Die Kantorei St. Martin und ihr Leiter Eckhard Manz feierten den 50. Chorgeburtstag mit Mendelssohns „Elias“

Musikalischer Blick ins Innere

Aufführung aus einem Guss: Chor und Orchester St. Martin mit dem Leiter Eckhard Manz (vorn Mitte) und den Solisten Stefan Adam, Traudl Schmaderer, Elisabeth Graf und Andreas Weller (rechts vorn, von links). Foto: Fischer

Kassel. So machtvoll, wie der Prophet Elias in Felix Mendelssohn Bartholdys 1846 uraufgeführtem gleichnamigen Oratorium auftritt, mögen sich die Protestanten im 19. Jahrhundert auch ihren Reformator Martin Luther vorgestellt haben: Und wenn die Welt voll Teufel wär’ - hier steht einer, der unbeirrbar für den einen Gott die Stimme erhebt und selbst den Götzendienst von Königen geißelt.

Heute wird dieses Paradestück protestantischer Selbstvergewisserung oft in monumentalen Schönklang gehüllt. In einer denkwürdigen Aufführung zum 50-jährigen Bestehen hat die Kantorei St. Martin mit ihrem Leiter Eckhard Manz diese Konvention aufgebrochen und die 500 Zuhörer in der Martinskirche mit den Ungeheuerlichkeiten und den Gefühlsextremen des „Elias“ konfrontiert.

Eine stimmgewaltigere und eindringlichere Verkörperung des Propheten als durch den Bassisten Stefan Adam ist kaum vorstellbar. Er legte mit großer Sensibilität die komplexe Psyche dieses Gotteskämpfers offen, der Tote zum Leben erwecken lässt, der die Baals-priester mit bitterem Sarkasmus überzieht, der die Götzendiener schlachten lässt und seinen König anklagt, und der auch keine Scheu kennt, sich mit seinem Gott anzulegen („O Herr, ich arbeite vergeblich“).

Nicht weniger eindrucksvoll agierten die übrigen Solisten, Traudl Schmaderer (Sopran), Elisabeth Graf (Alt) und Andreas Weller (Tenor). In den Arien und Rollenverkörperungen (Witwe, Knabe, Königin, Obadjah, Engel) verbanden sie beste stimmliche Qualitäten mit hoher Expressivität.

In hervorragender Verfassung zeigte sich die Kantorei St. Martin zu ihrem 50. Geburtstag. Was chorische Kraftentfaltung angeht, können es die 60 Sängerinnen und Sänger mit weitaus größeren Chören aufnehmen. Doch die Kantorei verfügt auch über eine fast kammermusikalische Beweglichkeit und deklamatorische Kraft - und nicht zuletzt über schöne Stimmen.

Eckhard Manz hat das Ausdrucksspektrum des Chores enorm erweitert. Der leider oft verkitschte Chorsatz „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ klang hier berührend schlicht und doch voll innerer Bewegung, während die großen Steigerungen („Wohl dem, der den Herrn fürchtet“) ohne Forcieren bewältigt wurden.

Besonders erfreulich: Die hoch expressiven Zutaten wurden alle der Partitur entnommen, auf Zusätze und musikalische Geschmacksverstärker verzichtete Manz. Und lediglich in den beiden vom Solistenquartett unterbrochenen Chören am Ende ließ die Kraft zur Differenzierung vielleicht etwas nach. Dass Mitglieder des Kasseler Vocalensembles von der Orgelempore das Engel-Terzett und das Seraphim-Quartett glockenklar einsangen, war auch ein schöner Gruß des Kammerchores an die Kantorei. Beim zuverlässigen Orchester St. Martin taten sich diesmal besonders die Blechbläser hervor.

Fazit: Wenn man von 50-Jährigen behauptet, sie seien im besten Alter, so trifft dies ganz gewiss auf die Kantorei St. Martin zu. Riesenbeifall.

Von Werner Fritsch

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