Musiker Enno Bunger: Pop-Protest gegen Pegida

Auf seinem letzten Album verarbeitete Enno Bunger zu herzzerreißenden Pop-Melodien ein Liebes-Aus. Nun überrascht der Hamburger Musiker mit einem Protestsong gegen Fremdenhass.

Als Enno Bunger vor einem Jahr begann, „Wo bleiben die Beschwerden?“ zu schreiben, hoffte er, dass das Lied überflüssig sein werde, wenn sein neues Album erscheint. Nun aber ist sein Protestsong gegen Fremdenfeindlichkeit aktueller denn je. Fast 40 000 Klicks für das dazugehörige Video in wenigen Tagen sowie das Album „Flüssiges Glück“ beweisen, dass der Hamburger (28) einer der besten deutschen Songwriter ist.

DAS PROTESTLIED

So politisch war Bunger noch nie. Auf seinem 2012 erschienenen Album „Wir sind vorbei“ sang er zu coldplayartigen Pianomelodien ergreifend über eine verflossene Liebe. Nun packte ihn angesichts der Pegida-Aufmärsche die Wut. Der gebürtige Ostfriese recherchierte über den Fall des in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh, um den es auch gerade im NDR-„Tatort“ ging.

„Wir sind mitverantwortlich für das, was passiert“, sagt Bunger. In „Wo bleiben die Beschwerden?“ singt er: „Als wär’ es nicht in unserer Mitte, sondern nur am rechten Rand / Machen wir weiter unsere Witze über Gutmenschen im Land / Vergessene Geschichte wiederholt sich irgendwann / Ist unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt?“

DAS NEUE ALBUM

Auf dem Vorgängeralbum bewies Bunger, dass man auch „ohne Gitarren rocken kann“. Die neuen Lieder klingen elektronischer, erinnern mit ihren Keyboard-Sounds bisweilen an britische Acts wie The Acid. Gleichwohl hört man, dass Bunger auch Bruce Springsteen verehrt. Und er hat Sprachwitz. Einmal heißt es: „Willst du eine Bleibe haben, folge einem Leichenwagen.“

DER ERFOLG

Bungers drei Jahre alter Hit „Regen“ wurde von Klaas Heufer-Umlauf und dessen Band Gloria gecovert. Eigentlich müsste der Norddeutsche ein Pop-Star sein, aber er fühlt sich in der Nische wohl. Neulich trat er vor 900 Leuten auf. „Bereits da hatte ich das Gefühl, nicht mehr alle zu erreichen. Ich wollte noch nie im Mittelpunkt stehen.“ Dafür buchen ihn Bands wie die Editors als Vor-Act. Und für die US-Metal-Stars von Limp Bizkit coverte er als Barpianist sogar einst deutsche Schlager.

DIE HEIMAT

Als Jugendlicher war Bunger Kirchenorganist in Steenfelde bei Leer. Sonntags fuhr er als Aushilfe von Kirche zu Kirche. Als er an der Mannheimer Pop-Akademie nicht genommen wurde, zog er nach Hamburg. Dort ist es ja so flach wie in Ostfriesland: „Ich mag es, wenn man weit gucken kann.“

DER MUSIKER IN KASSEL

Die getragene Posaune auf „Flüssiges Glück“ spielt Bruder Hayo, der schon im Kasseler Staatsorchester aushalf. Auch mit Milky Chance, den nordhessischen Pop-Helden, trat Enno Bunger einmal auf. Es war ein kleines Festival seines Labels, doch mit seinen weiten Spannungsbögen konnten die „zwölfjährigen Mädchen“ im Publikum nichts anfangen. „Es war eine Katastrophe“, sagt Bunger.

2012 war er bei seinem Auftritt im Kasseler Schlachthof „ziemlich betrunken“, wie er zugibt. Nach dem Liebes-Aus habe er viel getrunken. Mittlerweile sei alles wieder gut. Passend zu „Flüssiges Glück“ gibt es auf seiner Webseite einen Flachmann mit Bungers Logo zu kaufen. Der Mann ist friesisch herb.

Zur Person

Geboren: am 27. November 1986 in Leer (Ostfriesland)

Ausbildung: Abitur

Karriere: Bunger war Kirchenorganist in Ostfriesland. Sein Pop-Debüt „Mit großen Schritten“ erschien 2008. Zwischenzeitlich war Enno Bunger eine Band. Nun ist es wieder ein Soloprojekt.

Privates: Bunger lebt in Hamburg.

Das Album: Flüssiges Glück (Pias). Wertung: vier von fünf Sternen

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