Neues Album "Schrei es raus"

Musiker Joris im Interview zum neuen Album: „Bin in Tränen ausgebrochen“

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Joris Ramon Buchholz (28)

Für seine neue Musik hat sich Popsänger Joris viel Zeit genommen. Drei Jahre hat er daran gearbeitet.  Ein Gespräch über den neuen Joris und über einen für ihn prägenden Auftritt – in Kassel.

Beim Schreiben der Songs war es dem Musiker („Herz über Kopf“) wichtig, nicht an der Oberfläche zu bleiben, Haltung zu zeigen. 

„Kommt schon gut“ heißt ein Song auf Ihrem Album. Ihr erster Auftritt nach dem Festival in Ansbach, bei dem sie 2016 auftraten und wo es einen Selbstmordanschlag gab, war in Kassel im Kulturzelt. Damals wirkten Sie tief betroffen von den Ereignissen, wie schwer war es da „Kommt schon gut“ zu denken?

Joris: Sehr schwer. Wir haben kurz vorher noch im Team darüber gesprochen, wie es uns geht und ob wir die Show spielen wollen. Jeder von uns hatte Sorgen. Dann hatte ich kurz vorher das erste und einzige Mal Angst, auf die Bühne zu gehen. Ich bin sogar in Tränen ausgebrochen.

Und kurz darauf hatten Sie Nasenbluten auf der Bühne, konnten nicht weitersingen...

Joris: Genau. Das Konzert hat eigentlich ganz gut angefangen, aber nach zwei, drei Nummern war wieder die Angst da. Ich habe fürchterliches Nasenbluten bekommen, musste eine Pause einlegen und die Band hat weitergespielt. Komischerweise ist bei mir aber danach der ganze Druck weg gewesen. Dann war es ein gutes Konzert, ein wunderschöner Abend. Dieser Auftritt war ein sehr wichtiger Moment in meinem Leben. Wir hatten Polizeischutz, es war klar, dass nichts passieren wird, aber da war eine Hemmschwelle, die ich überwand.

Enthalten die neuen Songs auch wegen dieser Erlebnisse mehr Botschaften?

Joris: Vermutlich. Wir tragen jetzt viel mehr die Mission raus – so wie damals in Kassel: Ich glaube, dass wir uns von der Furcht nicht davon abbringen lassen dürfen, weiter in unseren Herzen Liebe zu tragen. „Kommt schon gut“ ist ein Songtitel, der sich einfach liest, aber komplex ist. Während eines Weges kann sich das Ziel verändern. Wenn man den Weg mit Leidenschaft geht, kommt man immer an ein schönes Ziel.

„Schrei es raus“ ist ein kraftvoller Song, der Mut macht, Probleme anzugehen. Wie schützen Sie Ihr Seelenheil?

Joris:In dem ich gute Freunde habe, die bei Problemen helfen. „Schrei es raus“ ist der Titel des Albums, weil es darum geht, Haltung zu zeigen. Wir alle neigen dazu, unsere Meinungen rauszuhauen, gehen aber nicht aufeinander ein.

Was ist die Aufgabe eines Künstlers in einer Zeit der gesellschaftlichen Krise?

Joris:Ich glaube nicht, dass es eine allgemeingültige Aufgabe gibt. Ich stehe für Menschenrechte ein, für die Säulen unserer Demokratie, für Offenheit und Toleranz. Es ist nicht meine Aufgabe, Parteipolitik auf der Bühne zu betreiben.

Wie schwer ist es, sich dem Gegenwind zu stellen?

Joris:Ich würde es positiv formulieren: Es ist toll, wie viele Leute – wie beim #wirsindmehr-Konzert – Haltung zeigen – auch viele Künstler.

In „Signal“ geht es um sozialen Medien. Welches Signal wollen Sie senden?

Joris: Dass wir verstehen, dass wir alle nur gemeinsam in die Zukunft gehen können.

In vielen der Songs geht es auch um innere Zerrissenheit.

Joris: Stimmt, ich habe oft diese innere Zerrissenheit. Wenn ich wie in „Feuerwesen“ mir einen Moment nehme, spüre ich für einen Augenblick eine innere Ruhe. Das ist ein fragiler, wohltuender Moment.

Wie sehr hat sich Ihr Leben nach dem Megaerfolg von „Herz über Kopf“ verändert?

Joris: Ich habe vorher auch Musik gemacht, aber ich gebe zu, dass sich nicht so viele Leute dafür interessierten. Vielleicht meine Nachbarn, wenn ich Schlagzeug gespielt habe. Ich bin jetzt oft unterwegs, darf bei Festivals mit Bands auf der Bühne stehen, die ich als Idole hatte – Radiohead und Biffy Clyro. Das ist ein Traum, den ich leben darf. Es hat sich viel verändert. Zuhause ist nun ein Zustand – wenn ich an einem Ort bin und Ruhe finde.

Wie groß ist die Gefahr sich zu verkaufen, wenn man auf der Erfolgswelle schwimmt?

Joris: Naja, als Musiker verkauft man seine Kunst – CDs und Konzertkarten. Das ist erstmal nichts Schlechtes. Aber wenn man sich selbst verkauft, würde ich das als sehr negativ empfinden. Es gibt Möglichkeiten, sich treu zu bleiben: Welche Einladung nimmt man an, welche nicht?

Was machen Sie nicht?

Joris:Es gab ein paar Anfragen für Jurys, in denen ich hätte sitzen dürfen. Ich habe einiges abgesagt, weil ich der Überzeugung bin, dass Kunst nicht so viel Wettbewerb braucht.

Wie glücklich sind Sie mit dem neuen Album?

Joris:Sehr! Es ist mein bestes Album, weil es eine Weiterentwicklung ist. Es ist größer, energetischer und rockiger.

Zur Person: Joris Ramon Buchholz (28) wurde in Stuhr bei Bremen geboren und wuchs in der Nähe von Bielefeld auf. Mit fünf Jahren begann er, Musik zu machen und Lieder zu schreiben. Nach dem Abitur studierte er an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Dort lernte er die Mitglieder seiner Band kennen. Seit 2014 hat Joris einen Plattenvertrag beim Musiklabel Four Music. Mit seinem Album „Hoffungslos Hoffnungsvoll“ mit dem Hit „Herz über Kopf“ hielt sich der Popmusiker 2015 ein Jahr lang in den Charts.

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