Komiker in Laberlaune und Bestform

Kulturzelt: Olli Schulz verliebt sich in Kassel, das er gar nicht mag

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Wie beim Spiel ohne Grenzen: Olli Schulz (links) lässt seine Mitarbeiterin Laura auf einem aufblasbaren Einhorn durchs Publikum reiten.

Olli Schulz ist mindestens so sehr Entertainer wie Musiker. Beim Auftritt im Kulturzelt Kassel unterhält er wie der Moderator einer Samstagabendshow. Unserem Kritiker macht er aber das Leben schwer.

Die Kollegen sagen, ich sei nicht in der Lage, auch nur einen Text ohne das Wort Nazi oder irgendwas mit Sex zu schreiben. Und dann schicken sie mich zum Konzert von Olli Schulz ins Kasseler Kulturzelt, der im TV unter anderem mit versauten Witzen bekannt geworden ist. Sehr komisch.

Komisch ist auch, dass das Rathaus Schulz überhaupt in die Stadt gelassen hat. Zuletzt hat der Musiker und Entertainer mit Jan Böhmermann im gemeinsamen Podcast "Fest und flauschig" ziemlich derbe über Kassel abgelästert. Andererseits hat der Wahl-Berliner in seinem frühen Gaga-Hit "Mach den Bibo" die Stadt in eine Reihe mit New York, Rio und Athen gestellt.

Als Schulz noch keine Fernsehbekanntheit war und vor 50 statt wie jetzt vor 900 Fans spielte, gestand er uns im Interview: "Ein Künstler, der nicht zweimal im Jahr seine Meinung ändert, ist nicht ernst zu nehmen." Im Kulturzelt sagt er erst, in Kassel wisse man, wie man sich als Außenseiter fühle. Später gesteht er dem Publikum seine Liebe: "Ihr gebt mir das Gefühl, zu Hause zu sein."

Die Zuschauer wiederum haben das Gefühl, Schulz spiele, als sei dies sein letztes Konzert. Es gibt bessere Gitarristen und Songschreiber, und richtig gut singen kann er auch nicht. Aber der 44-Jährige brennt für seinen Beruf wie kaum ein anderer. Hätte Jogi Löw ihn mit nach Russland genommen, wäre Deutschland wieder Fußball-Weltmeister geworden. Garantiert.

Bei einem Konzert von Olli Schulz können auch die Spaß haben, die seinen Liedermacher-Indiepop eigentlich banal finden. Der gebürtige Hamburger ist "ein bisschen in Laberlaune", wie er sich entschuldigt. Aber die Leute sind ja auch gerade deshalb gekommen, weil er so lustig erzählen kann von den Gemeinheiten des Lebens. Selbst bekanntere Songs wie "Als Musik noch richtig groß war" unterbricht er für seine Gags.

Einmal erzählt er, wie viel Geld doch die erfolgreichen deutschen Rapper verdienen und wie unglücklich die doch in Wirklichkeit seien. Er selbst dagegen habe "alles falsch gemacht und noch nie einen Hit geschrieben". Sein aktuelles Album "Scheiß Leben, gut erzählt" war nicht sein bestes. Aber er hat jede Menge Spaß mit seiner fünfköpfigen Band, in der sein alter Weggefährte Max Schröder und die bezaubernde Kat Frankie Gitarre spielen. Die Australierin gastiert als Solokünstlerin am 18. August ebenfalls im Kulturzelt.

Immer wieder preist Schulz die Qualität von "Pimmelwitzen", erzählt dann aber doch keinen, sondern den hier: "Was sagt ein Reggae-Fan, wenn man ihm das Hasch wegnimmt? Alter, mach die Mucke aus!" Dann spielt er einen Reggae-Song.

Die knapp zwei Stunden vergehen so schnell wie bei einer kurzweiligen Samstagabendshow. Schulz singt mitten im Publikum, klettert bis unters Dach, liefert sich mit den Fans eine Kissenschlacht und lässt seine Mitarbeiterin Laura auf einem Einhorn durchs Publikum reiten. Das Gummitier hatte er am Nachmittag im Kaufhof in der Königsstraße gekauft, wie er in seiner Instagram-Story dokumentierte.

Gegen Ende erzählt er noch, wie seine Tochter beim Streifzug durch Berlin zwei blaue Luftballons geschenkt bekam. Erst in der U-Bahn merkt der Vater, dass darauf "Alternative für Deutschland" steht. Er versucht, die weinende Achtjährige davon zu überzeugen, dass sie die Ballons kaputt machen müssten, weil "es Nazischeiße ist". Für seinen flammenden Appell gegen die AfD bekommt Schulz viel Applaus.

Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Konzert mit Olli Schulz. Dann schreibe ich weder etwas von Nazis noch von primären Geschlechtsmerkmalen. Versprochen.

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