Franz Liszt war Komponist, Klaviervirtuose, Kapellmeister, Geistlicher und Schwiegervater Richard Wagners

Der Musiker mit den vielen Leben: Vor 125 Jahren starb Franz Liszt

Drei Lebensstationen: Franz Liszt (1811-1886) als junger Virtuose, als Weimarer Kapellmeister und als römischer Abbé (unten).

Franz Liszt ist geeignet, unser Bild vom 19. Jahrhundert gründlich zu erschüttern. Wer glaubt, der Starkult um Musiker samt Groupies und Stalking-Attacken sei eine Erfindung der Popkultur, irrt sich. Wer denkt, freie Liebe und Patchwork-Familien gebe es erst seit dem 20. Jahrhundert, irrt ebenso.

Jahrelang fast ununterbrochen auf Konzertreisen zu sein, hat ein Mann des 19. Jahrhunderts als Erster vorgelebt. Und dass sich ein Künstler immer wieder neu erfinden und es im Alter noch zum einfachen Geistlichen bringen kann, hat derselbe Musiker vorgemacht: Franz Liszt.

Mit Sicherheit gehört der am 22. Oktober 1811 im burgenländischen Raiding geborene und vor 125 Jahren, am 31. Juli 1886, in Bayreuth gestorbene deutschsprachige Ungar zu den am meisten unterschätzten Gestalten der Musikgeschichte. Im heutigen Musikbetrieb kennt man ihn vor allem als Komponisten von extrem schwer zu spielenden Klavierwerken, denen oft der Ruf des Salonvirtuosentums anhaftet.

Dieses Liszt-Bild hat als Erster sein Schwiegersohn Richard Wagner befördert. Er ließ den berühmtesten Musiker seiner Zeit zwar gern für sich werben, redete dessen Kompositionen aber systematisch klein: Liszt habe sich „nur um den Fingersatz beim Klavierspiel verdient gemacht“, spottete er gegenüber seiner Frau Cosima, einer Tochter Liszts mit der französischen Gräfin Marie d’Agoult.

Tatsächlich hat Liszt die Möglichkeiten des Klavierspiels in einer bis dahin kaum vorstellbaren Weise erweitert. Von Paris aus, wo er nach seiner Wiener Lehrzeit lebte, eroberte er als Konzertpianist und Komponist ganz Europa von Lissabon bis Istanbul, von Dublin bis Moskau.

Dann ein neues Leben: In Weimar (jetzt mit der polnischen Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein liiert, was zu heiklen politischen Verwicklungen führt) wird er ab 1848 als Hofkapellmeister zum Kopf der Neudeutschen Schule: Er „erfindet“ die Gattung der sinfonischen Dichtung und damit die literarisch inspirierte Programmmusik.

Und wieder eine Wende: Liszt geht 1861 nach Rom, wo er die niederen Weihen eines Abbé empfängt (daneben aber immer auch junge Damen). Er wirft sich mit Feuer auf die Komposition geistlicher Musik, und es entstehen monumentale Werke wie sein Oratorium „Christus“, die bis heute kaum recht erschlossen und verstanden sind. Gelegentlich besucht ihn der Papst (nicht etwa umgekehrt!), um seinem Klavierspiel zu lauschen.

Spät besinnt sich Liszt auf seine magyarischen Wurzeln. Ungarn feiert ihn als Nationalhelden, und Liszt macht Budapest zu seinem dritten Wohnsitz neben Weimar und Rom.

Uneigennützig setzt er sich für die Werke Wagners und die Bayreuther Festspiele ein. Daneben komponiert er - zeitweise von Depressionen geplagt - karge Stücke, die kaum mehr als tonal gelten können und ins 20. Jahrhundert vorausweisen.

Um Liszt, der mit den meisten literarischen Größen und Komponisten seiner Zeit befreundet und stets von Bewunderern umgeben gewesen ist, wird es einsam. Als er 1886 in Bayreuth stirbt, ist gerade Festspielzeit, und seine Tochter Cosima fühlt sich durch den „Vorfall“ gestört. Ein Skandal. Aber auch der ist irgendwie modern.

Von Werner Fritsch

CD-Tipps Neues von Liszt

Für alle Bedürfnisse haben die großen Labels im Liszt-Jubiläumsjahr das passende Angebot:

• Für Einsteiger besonders interessant dürfte die Doppel-CD der Deutschen Grammophon „Franz Liszt Superstar“ mit den bekanntesten Klavierwerken sein. Stars wie Martha Argerich, Lang Lang, Jorge Bolet und Vladimir Horowitz stehen für Qualität. Von den

virtuosen Etüden bis zum späten Charakterstück „Nuages gris“ ist ein breites Spektrum abgedeckt.

• Eine der ungewöhnlichsten Liszt-CDs u.a. mit der Sonate h-Moll hat die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili vorgelegt (Sony Classical). Die 24-Jährige beweist Mut zu Gefühlsextremen.

• Schon etwas älter, aber nach wie vor eine Referenzaufnahme ist die Einspielung der beiden Klavierkonzerte durch den polnischen Pianisten Krystian Zimerman, der auch hinter die virtuose Fassade der Werke blickt. Begleitet wird er vom Boston Symphony Orchestra und Seji Ozawa (Deutsche Grammophon).

• Der (fast) ganze Liszt auf 34 CDs für gut 50 Euro - dieses Superangebot für Enthusiasten bietet die Deutsche Grammophon. Die Aufnahmen sind alle etwas älter - aber von Top-Musikern. Neben den Klavierwerken sind die sinfonischen Dichtungen, die Sinfonien, die großen geistlichen Werke, die Orgelwerke und die Lieder enthalten. Mehr Liszt braucht keiner. (w.f.)

Buchtipp: Der Superstar

Wer Franz Liszt kennenlernen will, kommt an der neu erschienenen Darstellung von Oliver Hilmes „Liszt - Biografie eines Superstars“ kaum vorbei. Der Autor, der bereits als Biograf von Cosima Wagner und von Alma Mahler-Werfel von sich reden machte, schildert das ungewöhnliche und ereignisreiche Leben Franz Liszts so spannend, dass man sich oft in einem Krimi zu befinden glaubt. Angefangen von den Jugendjahren, als Liszts Vater Adam den Wunderknaben zu vermarkten begann, bis zu den späten Jahren in Weimar und Rom wird man in das Leben eines Künstlers hineingezogen, der sich trotz - oder wegen - des äußeren Glanzes stets nur unvollständig offenbart. Wer der Mann hinter den vielen Masken wirklich war, dieses Geheimnis kann auch Hilmes nicht lüften. Aber er vermittelt eine Ahnung von der Komplexität und inneren Zerrissenheit dieses höchstbegabten Mannes. So plastisch Hilmes Liszts Leben beschreibt, so einsilbig wird er, wenn es um die Darstellung von Liszts Werken geht. Da bietet der Autor wenig mehr als Allgemeinplätze. Auch fehlt ein Überblicks-Verzeichnis der zahlreichen Kompositionen Liszts. Und noch ein Manko dieser insgesamt gleichwohl äußerst lesenswerten Biografie: Eine Zeittafel hätte die Orientierung erleichtert. (w.f.)

Oliver Hilmes: Liszt - Biografie eines Superstars. Siedler Verlag, 432 Seiten, 24,99 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.