Das kleine, feine Festival feiert ein gelungenes Comeback im Grünen

Musikschutzgebiet: Festival-Frühling im Herbst

Emopunk auf dem idyllischen Grünhof bei Homberg: Die Hamburger Band Captain Planet stand mit auf dem Programm am Freitag. Das Festival bot aber auch Rap, Rock und Techno. Foto: Richard Kasiewicz

Homberg. Manchmal ist es besser, der Letzte statt der Erste zu sein. Das Musikschutzgebiet (MSG) in Hombergshausen war viele Jahre im Frühsommer das erste Ereignis der heimischen Festival-Saison.

Nach einem Jahr freiwilliger Pause fand die zwölfte Auflage nun am ersten September-Wochenende auf dem idyllischen Grünhof statt. Das Getreide ist auch hier bei Homberg längst geerntet, sodass die über 2000 Besucher ihre Autos auf dem Stoppelfeld nebenan und nicht mehr zwei Kilometer entfernt im Ort parken konnten. Nicht nur deswegen erlebte dieses wunderbare Festival einen neuen Frühling.

Das Festival

Mit seinem 30-köpfigen Team hatte Landwirt Hubertus Nägel wieder ein feines Line-up auf den elterlichen Hof geholt, auf dem sein Vater am Wochenende auch noch seinen 75. Geburtstag feierte. Anders als früher, als Cro, Bilderbuch, AnnenMayKantereit und Milky Chance von hier aus durchstarteten, fehlte diesmal die publikumswirksame Mega-Attraktion. Aber das macht nichts, wenn alles so liebevoll organisiert ist – von der Techno-Bühne hinter dem Haus über Saunawagen, Hängematten zwischen den Bäumen und Lichterketten in den Ästen bis zu Besichtigungen des Bauernhofs. „Wir wollen auch zeigen, dass Landwirtschaft cool ist“, sagt Nägel (37). Irgendwann soll das Festival so nachhaltig wie eine Bio-Kartoffel sein.

Die Musik

Cool fanden das MSG auch die Künstler. Jan Arne von Twistern von der Hamburger Emopunkband Captain Planet hatte noch nie etwas von dem Festival gehört, wie er gestand, und war dann sichtlich beeindruckt. Die Hanseaten räumten am Freitag ebenso ab wie Isolation Berlin mit schlagerhaftem Noiserock (den gibt es wirklich), die Leoniden mit Indierock und das Frauen-Duo Schnipo Schranke mit NDW-Chansons und lustigen Texten über Genitalgeruch sowie brennende Fürze.

Rapper Yassin von Audio88 & Yassin hätte sich sein letztes Konzert in diesem Sommer nicht schöner vorstellen können. Auf dem Festival, „das mit so viel Liebe gemacht ist“, predigten die Rapper aus Berlin mit DJ Breaque am Samstag ihre Texte aus dem aktuellen Album „Halleluja“ voll von Gesellschaftskritik und hämischer Selbstironie von einer Kanzelkulisse und waren selbst überrascht, unterm Publikum so gute Stimmung verbreiten zu können. „Damit hab ich nicht gerechnet“, gab Yassin zu. Für ihre gemeinsame Hymne auf den HipHop holten Audio88 & Yassin ihre Kollegen, die Rapbrüder Marco und Fabian von Mädness und Döll zurück auf die Bühne und spielten die letzten Songs gemeinsam zum Wippen der begeistert hochgehaltenen Festival-Hände.

Eine Überraschung am Samstag war übrigens nicht nur die Absage von Rapper Goldroger, der in der Scheune, dem Nebenschauplatz zur Hauptbühne, spielen sollte, sondern auch sein Ersatz: Klan, ebenfalls zwei Brüder aus Berlin, überzeugten mit erfrischend rockigen Klängen zu souliger Stimme und eingängigen Pop-Melodien.

Mädness und Döll hatten die Besucher zuvor mit tiefen Bässen und in gelben Plusterjacken auf Rap eingestimmt und fanden für ihre selbstbewussten Verse ein Echo im Publikum. Für das letzte Lied sprangen sie von der Rampe herunter und performten es im kleinen Kreis direkt unter ihren Fans. Für solche Momente hat das Musikschutzgebiet, das auf ganzer Linie für Qualität steht, einfach Platz und Herz.

Über das Orange Blossom in Beverungen schrieb der „Rolling Stone“, es sei das beste kleinste Festival der Welt. Dann ist das Musikschutzgebiet mindestens das zweitbeste.

Fotos gibt es hier.

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