Die Murhardsche Bibliothek Kassel zeigt kostbare Handschriften und Drucke rund um Heinrich Schütz

Musikverrückt in der Barockzeit

Musikalische Kostbarkeit: Das 1611 erschienene erste Madrigalbuch von Heinrich Schütz, dessen Name hier italienisiert als Henrico Sagittario Allemanno (der Deutsche) erscheint. Foto: Koch

Kassel. Gut, dass der hessische Landgraf Moritz im Jahr 1598 in einem Gasthof im sächsischen Weißenfels abstieg. Dort hörte er einen 13-jährigen Jungen singen und beschloss, diesem Knaben in seinem Kasseler Collegium Mauritianum eine musikalische und humanistische Erziehung zukommen zu lassen.

Heinrich Schütz (1585-1672) entwickelte sich derart prächtig, dass Moritz ihn 1609 nach Venedig zum Studium bei Giovanni Gabrieli schickte, dem angesagtesten Komponisten jener Zeit. Als Schütz 1613 für kurze Zeit nach Kassel zurückkehrte, brachte er nicht nur eigene Kompositionen, sondern auch Drucke und Abschriften von Musikern wie Gabrieli und Monteverdi mit nach Kassel.

Diese wertvollen Handschriften und Drucke sind unversehrt erhalten geblieben und bilden einen Kernbereich der Musiksammlung der Murhardschen Bibliothek der Kasseler Universität. Nur Fachleute wissen, dass Kassel die weltweit führende Bibiothek für Musik der Renaissance besitzt.

Anlässlich des 425. Geburtstags von Heinrich Schütz am 14. Oktober zeigt die Murhardsche Bibliothek in einer Ausstellung eine Auswahl ihrer Schätze rund um Heinrich Schütz und den musikverrückten Hof Moritz des Gelehrten.

Die von der Musikwissenchaftlerin Angelika Horstmann kuratierte Schau zeigt nicht allein kostbare Handschriften und Musikdrucke wie das „erste Buch der Madrigale“, mit dem Schütz 1611 sein kompositorisches Gesellenstück ablieferte. Sie dokumentiert auch das Leben am Hofe des hochmusikalischen Landgrafen, der selbst Komponist und ein guter Lautenspieler war.

Dazu gehört eine 1601 erschienene historische Beschreibung der Taufe von Moritz’ Tochter Elisabeth, deren Patin die Königin von England war. Darin werden, reichhaltig illustriert, die Ritterspiele beschrieben, die aus diesem Anlass stattfanden.

Zu sehen ist auch ein Originalstundenplan des Collegiums Mauritianum, von dem aus neben Schütz auch weitere Schüler nach Venedig geschickt wurden. Laut Horstmann verfolgte Moritz damit durchaus eigennützige Zwecke: Er wollte über den Umweg seiner Schüler musikalisch am Puls der Zeit sein. Denn der Venezianer Gabrieli hatte mit dem „Stile nuovo“ eine Revolution in der Musik ausgelöst: Gegen den „Stile antico“, die kunstvolle polyfone Stimmführung in der Chormusik setzte er den homofonen, also akkordischen Chorklang, den er mittels akustischer Experimente im Markusdom zu klanglich überwältigenden Formen von Mehrchörigkeit erweiterte.

Schütz eignete sich diese neuen Kompositionstechniken an und begann, auch deutsche Texte zu vertonen. Die von ihm erreichte natürliche und sinnbildliche Sprachbehandlung zählt zu den herausragenden Leistungen des genialen Musikers, der als bedeutendster deutscher Komponist vor Johann Sebastian Bach gilt.

Dass Schütz, der von 1615 an bis zu seinem Tod in Dresden wirkte, bis heute in Kassel seine wahre Heimat hat, liegt nicht nur an den Schätzen der Murhardschen Bibliothek, darunter 60 Musikhandschriften und mehr als 100 Originaldrucke. Kassel ist auch Sitz der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft, die in diesem Herbst ihr Schütz-Fest zusammen mit den Kasseler Musiktagen in der Fuldastadt abhält. Und die Gesamtausgabe der Werke Heinrich Schütz’ ist beim Kasseler Bärenreiter-Verlag erschienen.

425 Jahre Heinrich Schütz. Murhardsche Bibliothek Kassel, Brüder-Grimm-Platz 4. Bis 14. November, Mo - Fr 10 - 16 Uhr. www.ub.uni-kassel.de

Von Werner Fritsch

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