1. Startseite
  2. Kultur

Musikwissenschaftler: Heinrich Schütz ist der Vater der deutschen Musik

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Bettina Fraschke

Kommentare

Kupferstich: Heinrich Schütz in der Darstellung von August John, 1627.
Kupferstich: Heinrich Schütz in der Darstellung von August John, 1627. © WIKIPEDIA/nh

Zu seinem 350. Todestag wird der Komponist Heinrich Schütz bei den Kasseler Musiktagen gewürdigt. Musikwissenschaftler Walter Werbeck sagt, was Schütz zum bedeutendsten deutschen Musiker des 17. Jahrhunderts macht.

Kassel – Er ist der Vater der deutschen Musik. Heinrich Schütz ist der bedeutendste Musiker des 17. Jahrhunderts und sehr einflussreich in Bezug auf seine Nachfolger. Das liegt auch daran, dass er ein hohes Alter erreichte und lang wirkte. Geboren 1585 in Köstritz, wurde er schon als Jugendlicher in Kassel ausgebildet und von Landgraf Moritz umfassend gefördert. Der ermöglichte ihm auch eine Italienreise zum Komponisten Giovanni Gabrieli, die den Grundstein legte für seine Laufbahn als Komponist und Hofkapellmeister. Am Hof in Dresden wirkte er rund fünf Jahrzehnte und konnte sich kompositorisch verwirklichen.

Sein Todestag am 6. November 1672 jährt sich nächste Woche zum 350. Mal. Das ganze Jahr 2022 steht im Zeichen von Heinrich Schütz. An diesem Wochenende wird er in Kassel bei den Kasseler Musiktagen gewürdigt. Ein Symposium begibt sich auf die Spur seines Wirkens in Kassel. Doch warum ist Heinrich Schütz bis heute bedeutungsvoll? Darüber sprachen wir mit Musikwissenschaftler Walter Werbeck, dem Herausgeber des neuen Handbuchs zu Schütz.

Was ist das Neue bei Heinrich Schütz?
Zum Beispiel sein Bestreben, italienische Neuheiten in seiner Musik spürbar zu machen. Was er dort gehört und studiert hat, mit dem in Verbindung zu bringen, was ihm aus Deutschland geläufig war. Er war nicht der Einzige, der das getan hat, aber der Wirkmächtigste.

Was hat er verändert?
Er setzt den Generalbass ein. Das ist eine feste instrumentale Basis. Sie ermöglicht, dass die Melodiestimmen freier sind. Das war neu, die alten Regeln galten nur noch eingeschränkt. Man konnte so viel variabler komponieren, auch mit einer geringeren Zahl an Stimmen. Schon mit zwei Stimmen über dem Generalbass war das Klangergebnis sehr ausdrucksstark.

Wie nutzte er Texte?
Schütz hatte eine außerordentliche Begabung, Texte darzustellen, Trauer oder Freude fasste er in Intervalle und Klangfarben. Aber er arbeitete nicht nur klanglich, sondern auch mit der Textstruktur, bis hin zu Punkt und Komma, und den Inhalten, die er in Musik fasste. So entstand eine starke Ausdruckskraft, vor allem bei der Lutherbibel. Bei Schütz folgt kompositorisch die Musik eng dem Text. Da er überwiegend Bibelprosa vertont hat, keine Gedichte, war er rhythmisch sehr flexibel.

Wie wurde dieses Schaffen im frühen 17. Jahrhundert bekannt, was löste aus, dass er so wirkmächtig werden konnte?
Es gab gedruckte Noten, Schütz hat seine Stücke in Sammeldrucken veröffentlicht. Er ließ drucken mit Zustimmung des Hofes, diese Sammlungen erfreuten sich großer Beliebtheit. Da Heinrich Schütz in Dresden nicht allein für die Hofkapelle zuständig war, sondern auch begabte Sängerknaben und Instrumentalisten förderte und unterrichtete – was für die eine Auszeichnung war – trug auch das zur Verbreitung seiner Werke bei.

Wie müssen wir uns Heinrich Schütz vorstellen?
Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass er kein Kantor war. Er war kein Komponist für Kirchenchöre. Was nicht ausschließt, dass Kirchenchöre seine Musik singen. Ihn interessierten nicht die 08/15-Gottesdienste, sondern die großen Feste. Heinrich Schütz war Hofkapellmeister. Somit hat er mit ausgebildeten Musikern gearbeitet. Er verfügte über ein ausgesprochen großes Selbstbewusstsein, konnte gut mit den sächsischen Kurfürsten umgehen und wusste, wie man die zu nehmen hatte. Auch darum wurde die Musik am Hof so wichtig. Schütz hat auf die Solidität und Qualität seiner Werke großen Wert gelegt. 1617 war eine Feier zu 100 Jahren Reformation eine wichtige Bewährungsprobe. Später kamen etwa ein Dankgottesdienst zum Ende des 30-jährigen Krieges und ein Fest zum Besuch des Kaisers aus Wien. Das alles hat Heinrich Schütz offenbar glänzend gemeistert.

Es ging also auch um Repräsentation.
Das ist ganz wichtig: Die Gäste sollten beeindruckt sein. Die Musik sollte nicht mit normalen Maßstäben zu fassen sein – wie auch ein Fürst, von Gottes Gnaden, nicht mit normalen Maßstäben zu fassen sein sollte. Präsent sind heute oft Abbildungen, die Schütz als alten, nachdenklichen Meister in mönchischer Kargheit zeigen. Mir ist aber wichtig, zu sehen: Er war ein Mann des Hofes. Er trug Halskrause, prächtige Uniform. Hofkapellmeister zu sein war die höchste Position, die ein Musiker erreichen konnte. Die hat er nie aufgegeben, auch wenn er bisweilen gejammert hat.

Geht dieses Gespür für das Höfische auf seine Ausbildung bei Landgraf Moritz in Kassel zurück, oder lässt sich das nicht so sagen?
Doch, durchaus. Schütz hat in Kassel kennengelernt, welche Möglichkeiten ein Fürst seiner Hofkapelle eröffnen kann, bis hin zum Instrumentenbau. Er hat hier die Möglichkeiten eines höfischen Musikbetriebes kennengelernt. Dass Moritz seine Schüler in Fechten, Reiten, Musik und Sprachen ausgebildet hat, war absolut ungewöhnlich für einen solchen kleineren Hof.

Warum sind seine Werke bis heute präsent?
Das ist absolut bemerkenswert und nicht selbstverständlich. Wenn Sie überlegen, dass die vor knapp 400 Jahren entstanden sind. Das liegt ganz sicher an ihrer unmittelbar textbezogenen Qualität. Dazu kommen kompositions- und klangtechnische Meisterschaft. Schütz verstand es, Vokal- und Instrumentalstimmen wirkungsvoll einzusetzen. Das gelang auch, weil die finanziellen Mittel vor Ort so gut waren, dass er seinen exzellenten Profimusikern einiges zumuten konnte.

Was ist aus dem Schaffen von Schütz erhalten?
Nur Vokalmusik, die war ihm wichtig, es ist unklar, ob er auch Instrumentalmusik geschrieben hat. Sein Vermächtnis umfasst nicht alles, Werke fürs Musiktheater sowie Singballette und Ähnliches sind so gut wie komplett verloren. Außerdem fehlen die Beiträge zur höfischen Festmusik und Tafelmusik. Sonst wäre unser Schützbild vermutlich anders.

Hat es Phasen gegeben, wo Schütz nicht aufgeführt wurde?
Ja, durchaus. Bis Ende des 17. Jahrhunderts war er Kennern ein Begriff. Im 18. Jahrhundert war er in der Versenkung. Erst im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde er von dem preußischen Juristen Carl von Winterfeld wiederentdeckt. Er hatte eine Monografie über Schütz’ venezianischen Lehrer Giovanni Gabrieli verfasst und war so auf Schütz gestoßen. Dann hat er ihn in einer Ausführlichkeit beschrieben, die bis heute Maßstäbe setzt. Seit 1850 wird Schütz wieder in Konzerten aufgeführt. Wenn auch seine Popularität nie so groß wurde wie die von Bach und Händel. Die Präsenz setzt sich bis heute fort, vor allem in Gottesdiensten und bei Festivals für Alte Musik.

Gibt es noch Forschungslücken?
Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass noch unerschlossene Dokumente in Kirchenbibliotheken lagern. (Interview: Bettina Fraschke)

Zur Person

Walter Werbeck (geb. 1952 in Bochum) ist Musikwissenschaftler und wurde mit einer Dissertation über die deutsche Tonartenlehre in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts promoviert. Der emeritierte Professor lehrte am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald und veröffentlichte auch zu Richard Strauss

Handbuch zu Heinrich Schütz

Walter Werbeck (Hg.): Schütz Handbuch (Bärenreiter/Metzler), 444 Seiten, 99,99 Euro: Zeittafel, biografische Stationen, Orte und Bedingungen musikalischen Handelns, Werke, Betrachtung der Texte, Aufführungspraxis und Rezeption – alles auf dem aktuellen Stand der Forschung.

Musik von Heinrich Schütz erklingt auch im Museum für Sepulkralkultur Kassel in einer spannenden Audio-Installation.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion