HNA-Interview: Gibt es am Staatstheater zu viel zeitgenössischen Tanz? Dr. Thorsten Teubl vom Tanztheater bezieht Stellung

Man muss in Kassel nicht auf Ballett verzichten

Dr. Thorsten Teubl. Foto: Fischer

Kassel. Gibt es am Kasseler Staatstheater zu viel zeitgenössischen Tanz und zu wenig klassisches Ballett? Diese Kritik gibt es immer wieder von HNA-Lesern. Wir baten Tanztheaterdramaturgen und stellvertretenden Leiter des Tanztheaters, Dr. Thorsten Teubl um Stellungnahme.

Herr Dr. Teubl, warum gibt es in Kassel kein klassisches Ballett vom festen Tanzensemble zu sehen?

Dr. Thorsten Teubl: Einerseits ist das eine bewusste künstlerische Entscheidung, in Kassel am Staatstheater eine Kunstform der Gegenwart zu zeigen, den zeitgenössischen Tanz. Andererseits wäre es mit unserer Ensemblegröße auch nicht sinnvoll, Ballett zu zeigen. In den 90-er Jahren gab es am Staatstheater noch über 20 Tänzer, derzeit sind es durch Einsparungen gerade noch zwölf Positionen, womit sich kein glaubwürdiges klassisches Ballett machen lässt.

Ist das eine Entwicklung, die nur Kassel trifft, oder gibt es insgesamt weniger klassischen Tanz auf den Bühnen in Deutschland zu sehen?

Teubl: Es gibt noch in Berlin ein klassisches Ballett, in München und in Stuttgart. Hessen ist ein Land der kulturellen Vielfalt - auch beim Tanz. In Wiesbaden/Darmstadt gibt es eine klassisch orientierte Company und in Gießen zeitgenössischen Tanz. Aber man muss in Kassel dennoch nicht auf das Ballett verzichten...

Womit wir beim Thema Gastspiele wären. Welche Rolle nehmen Gastspiele ein?

Teubl: In Bezug auf die Vielfalt für den Tanz in Kassel, betrachte ich Gastspiele als wichtig - das Publikum hat das Recht, die Vielfalt zu sehen. Wir haben jede Spielzeit mindestens eine klassische Produktion zu Gast, diese Spielzeit den „Nussknacker“ aus Minsk, eine gute Truppe. Eine ballettorientierte Benefizgala wird es am 23. März im Opernhaus geben. Und dann Bejing Dance LTDX aus China im Juni. Das ist neoklassisches Ballett vom Allerfeinsten. Jetzt muss das Publikum nur noch kommen…

Und wie sieht es mit Gastchoreografen aus, sind die in Kassel gern gesehen?

Teubl: Wir haben schon oft mit international renommierten Gastchoreografen gearbeitet und auch mit solchen, die kurz davor waren, weltweit gefeierte Stars zu werden. Hier arbeiteten Yossi Berg&Oded Graf, Hofesh Shechter, Chris Haring. Kassel hat einen guten Ruf bei Choreografen, auch, weil wir ein gutes Team haben. In dieser Spielzeit hat der dafür vorgesehene Gastchoreograf aus persönlichen Gründen absagen müssen, deshalb wird es drei Stücke von Johannes Wieland in der Opernhauspremiere am 29. April zu sehen geben, unter anderem „Le sacre du printemps“ von Strawinsky, zusammen mit dem Staatsorchester Kassel - eine tolle Sache. In der nächsten Spielzeit wird das wieder anders sein.

Mit dem zeitgenössischen Tanz soll gezielt auch jüngeres Publikum angesprochen werden, profitieren davon eigentlich auch Schauspiel und Oper?

Teubl: Unser Publikum ist meistens zwischen 14 und 35 Jahre alt. Ob es Synergien gibt, kann ich nicht sagen. Aber wir haben mit dem Tanztheater und mit unserer Tanztheaterpädagogin Agnetha Jaunich eine große Außenwirkung. Wir sind eine sehr offene Sparte. Und weil man sich auf den zeitgenössischen Tanz auch einlassen muss, versuchen wir, eine Nähe zum Publikum zu schaffen. Das funktioniert auch gut, zum Beispiel durch unser offenes Training, die Tanz-Mit-Veranstaltungen und die Einführungen in den Tanztheaterabend, aber auch durch unseren Tag der Offenen Tür im Tanz: Innensichten - jetzt wieder am 4. April.

Es gibt auch die Kritik, dass die Tänzer nicht oft genug in anderen Staatstheater-Produktionen in Kassel zu sehen sind und stattdessen Tänzer der freien Szene engagiert werden.

Teubl: Einmal in der Spielzeit treten unsere Tänzer in Operette oder Musical auf - was gut und richtig ist: In Kassel wird die spartenübergreifende Zusammenarbeit gelebt. Umgekehrt finde ich es gut, dass man jungen Tänzer die Gelegenheit gibt (auch aus der freien Szene), Erfahrungen an einem staatlichen Theaterbetrieb zu sammeln. Unsere Tänzer sind auch auf andere Weise präsent - ein Aufrechnen von Quantität und Qualität wäre an dieser Stelle falsch.

Ist das in der Praxis auch gut umsetzbar für die Tänzer?

Teubl: Es ist nicht immer einfach für die Tänzer, die Technik und das Genre zu wechseln. Zum Beispiel, wenn sie auf einem anderen Untergrund tanzen müssen. Wir wollen unsere Tänzer auch nicht verheizen, aber in der Regel verläuft der Wechsel glatt.

Es gibt eine Kooperation zwischen den Tanzkompagnien aus Darmstadt und Wiesbaden zum Hessischen Staatsballett, dadurch tanzen die Kompagnien nun an beiden Häusern. Wäre eine Zusammenarbeit mit diesen Kompagnien möglich?

Teubl: Wenn der Austausch politisch gewollt wäre, könnte ich mir vorstellen, dass er auch stattfinden würde. Ich träume von einem rotierenden System, bei dem die Produktionen ausgetauscht werden können, ohne aber die Eigenständigkeit und Individualität der einzelnen Kompagnien zu verlieren. Doch noch fehlt der Kick, um so etwas anzustoßen. Der Wille ist bei uns aber da, denn wir tauschen uns regelmäßig aus.

Kritiker werfen dem Tanztheater vor, dass sich die Tänzer in den vergangenen Jahren nicht weiterentwickelt hätten und daher die Fluktuation in Kassel hoch sei.

Teubl: Das sehe ich anders. Aufgrund der Tatsache, dass das aktive Tänzerleben auf der Bühne auf ein paar Jahre beschränkt ist, anders als in anderen Sparten, ist ein häufiger Wechsel nichts Unnormales. Tänzer sind flexibler und unabhängiger als andere Künstler - oft auch im internationalen Kontext unterwegs.

Zur Person

Dr. Thorsten Teubl (43), stellvertretender Leiter des Tanztheaters und Tanztheaterdramaturg. Teubl wuchs auf der Schwäbischen Alb auf, studierte unter anderem Theologie, Musik- und Theaterwissenschaft in Bayreuth, Musiktheater-Regie in Hamburg und Kulturmanagement. Teubl lebt in Kassel und ist ledig.

Von Maja Yüce

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