Das Durchblättern der Verlagskataloge für den Bücher-Frühling kann ganz deprimierend sein

Du musst dein Leben ändern

Wie du lebst, geht es nicht weiter, das brüllen einem die Anzeigen entgegen, Seite für Seite. „Ticken Sie richtig?“ fragt der Brandstätter-Verlag drohend: „Höchste Zeit, die Uhr nach sich selbst zu stellen“ nennt Gabi Weiss ihr Buch mit einem Plädoyer für den eigenen Lebensrhythmus.

Beim Blättern in den Broschüren, mit denen die Verlage für Neuerscheinungen werben, kann man nicht umhin, an den jüngsten Bucherfolg des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk zu denken: „Du musst dein Leben ändern.“

Viele Titel klingen viel versprechend. „Sie sind Ihr bester Coach“, meint Holger Fischer (mgv Verlag). „Der Glückmacher“ nennt Helmut Pfeifer seine „Gebrauchsanweisung für ein gelungenes Leben“ im gleichen Verlag unmissverständlich. Aber manchmal versteht man Bahnhof. „Du bist viel mehr“, verspricht Uwe Böschemeyer (Ecowin): „Wie wir werden was wir sein können.“ Hä?

Und es könnte einen tiefe Traurigkeit befallen, wenn man nicht im ständigen „Dialog mit der Seele“ ist (so in Horst Krohnes „Geistheilung“, Allegria Verlag), wenn man nicht nur mit Gefühl und Intuition denkt, dem Herzkompass vertraut, der Weisheit des Herzens folgt oder den „21 goldenen Regeln“, damit die „Bestellungen beim Universum sicher ankommen“. Wie das geht, weiß Bärbel Mohr (Allegria).

Du musst dein Leben ändern, das wird eingehämmert. „Sei du selbst, alle anderen sind schon vergeben“ (Mike Robbins, mvg Verlag): wie furchtbar. So trostlos: „Coach dich selbst, sonst liebt dich keiner“ (Talane Miedaner, ebenfalls mgv). Oft geht es weniger um Glück als Effizienz: um Funktionieren, Stressmanagement, den „Erfolgsfaktor Emotionen“. „Wishcraft: Wie ich bekomme, was ich wirklich will“ (Barbara Sher, dtv). Verlangt das unsere Gesellschaft?

Kein Ratgeber scheint zu abwegig, kein „Erfolgs-“ oder „Mentalcoach“ zu bizarr, um nicht Tipps für ein glückliches Leben zu geben. Je exotischer, desto besser. So wie Ngaangao, der Schamane aus Grönland, der zum geistigen Klimawandel aufruft: „Schmelzt das Eis in euren Herzen!“ (Kösel). Safi Nidiaye kennt den „entscheidenden Schritt“: „das letzte Geheimnis der Wunscherfüllung“ (Allegria).

Manche Konzepte scheinen schnell zusammengeschustert, wie Julia Ross’ „Mood Cure“ (Klett-Cotta): in vier Schritten zum seelischen Gleichgewicht, mit Stimmungsfragebogen zur Selbsteinordnung. „Entschleunigung durch Mindful-Based Stress Reduction“ offeriert der Kösel Verlag: „Die 8-Wochen-Methode erstmals genau erklärt.“ Am Ende steht innere Ruhe dank Achtsamkeit. Alternative: „Wiederentdeckung des Respekts“ (Josef Schönberger, Kösel) oder „Kraft der Großzügigkeit“ („Beziehungsglück“, Klett-Cotta). Tom Holmes bietet gar einen „Selbsterfahrungsguide in Bildern“ von der „Reise in die Innenwelt“ (Kösel Verlag).

Man ist fast dankbar, wenn man statt aufs „kluge Unbewusste“ auf handfeste Fitness-Tipps stößt, „Lachyoga“, „Well-eat“ und „Fatburner“ („so einfach schmilzt das Fett weg“). Model Marcus Schenkenberg verspricht die „ultimative Fitnessformel“, erprobt „auf den Laufstegen der Welt“, „revolutionäres Konzept“ und „gigantisches Körpergefühl“. Auch das könnte deprimieren. Aber es ist eine andere Baustelle.

Von Mark-Christian von Busse

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