Ensemble zeigte Lessings Drama

Mutige Inszenierung: „Nathan der Weise“ am Jungen Theater Göttingen

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Brillierte zweieinhalb Stunden lang als Nathan der Weise: Jan Reinartz (vorn, mit Ali Berber als Tempelherr Curd von Stauffen).

Göttingen. Lessings "Nathan der Weise" ist auch heute noch aktuell. Das zeigte Tobias Sosinkas mutige Inszenierung am Jungen Theater Göttingen - mit Jan Reinartz in der Titelrolle.

Das Geschehen aus dem Jahr 1191 scheint aus den Fernsehnachrichten auf die Bühne gebeamt. Obwohl in Jerusalem Waffenstillstand herrscht, kracht und donnert es, dazu das Tack-Tack-Tack von Maschinengewehren. Der muslimische Sultan Saladin regiert die Stadt. Vor den Mauern lagern die Kreuzritter, die den Schmelztiegel der Weltreligionen zurückerobern wollen.

Am Samstag brachte Tobias Sosinka im Jungen Theater in Göttingen das Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing auf die Bühne. Die mutige, in die Gegenwart verlagerte Inszenierung zeigt, welche frappierende Aktualität das Stück über die Religionen hat, das zur Zeit der dritten Kreuzzüge spielt und 1783 in Berlin uraufgeführt wurde. Die Nationalsozialisten untersagten, das Drama aufzuführen.

In der Rolle des Juden Nathan brillierte Jan Reinartz zweieinhalb Stunden lang. Zurück von einer Reise, erfährt der reiche Kaufmann, dass sein Haus brannte und der Tempelherr Curd von Stauffen seine, von Eva Schröer etwas naiv dargestellte, Tochter Recha aus den Flammen rettete.

Da Recha überzeugt ist, einem Engel begegnet zu sein, führt Nathan seine Tochter mit dem Lebensretter zusammen. Der langhaarige Tempelherr, den Ali Berber als Glaubenskrieger fanatisch, mit oft aufgerissenen Augen überzeugend verkörpert, verliebt sich in das jüdische Mädchen. Dann lässt ihn Nathans Hausdame Daja (Agnes Giese) wissen, dass Recha nicht die leibliche Tochter Nathans, sondern ein angenommenes Kind christlicher Eltern ist. Nathans Frau und die sieben Söhne kamen bei einem Brand ums Leben.

Sultan Saladin, den Karsten Zinser etwas windig darstellt, ist in Geldnöten und bestellt den als weise bekannten Nathan zu sich. Bevor er um einen Kredit bittet, fragt er den Juden, welche Religion denn nun die wahre sei. Mit der Schlüsselszene, der berühmten Ringparabel, zieht sich Nathan aus der Affäre. Jede Religion hat für ihn die gleiche Wahrheit.

Zum Schluss des Dramas kommt heraus, dass der Tempelherr der Bruder von Nathans angenommenem Kind ist. Es kommt zur Versöhnung der Personen verschiedener Religionen, was irreal wirkt, aber von Lessing wahrscheinlich so gedacht ist. Eine gegenseitige Toleranz der Glaubensrichtungen ist in dieser Welt wohl eine Illusion.

Das Ensemble des Jungen Theaters zeigte eine großartige Inszenierung des schwierigen Stücks. Das spartanische, geniale Bühnenbild von Axel Theune mit schwarzen Wänden und eine tolle Lichtführung ließen die Charaktere oft wie auf Bildern alter Meister strahlen.

Darüber hinaus waren die Kostüme originell, die Nebenrollen hervorragend besetzt: Götz Lautenbach gab dem Klosterbruder ein albernes Wesen, Linda Elsner stach als Schwester des Sultans heraus, taff und militant, für den Kampf bereit. Großer Beifall.

Weitere Vorstellungen: 5., 9., 15. und 20. Mai. Karten: 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Gesa Esterer

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