Am Deutschen Theater in Göttingen zeigt Ben Baur die Tragödie „Elektra“ als Seelendrama

Die Mutter ist wie ein Albtraum

Der Horror ist unausweichlich: Katharina Uhland als Elektra (von links) mit Marie Seiser, Rahel Weiss und Lynn Ebert, die alle Chrysothemis sind. Foto: Nickel

Göttingen. „Ich bin dies Blut. Elektra heiß ich.“ Katharina Uhland steht vorn am Bühnenrand und spricht diese Sätze. Tief atmet sie ein, holt ihre Stimmkraft ganz aus dem Inneren des Körpers. Genau wie ihre Figur Elektra sich immer wieder aus der Tiefe ihrer Seele heraus vergewissern muss, wer sie ist. Denn der Rachewunsch hat sie schier aufgefressen in den vielen Jahren, die sie schon im Hof des Palastes sitzt, weil sie es nicht erträgt, dass ihre Mutter Klytämnestra mit dem Geliebten Ägisth ihren Vater ermordet hat. Auch Schwester Iphigenie war umgebracht worden. Nun wartet Elektra auf Bruder Orest, mit dem gemeinsam sie blutige Rache üben will.

Am Deutschen Theater in Göttingen tauchen die Zuschauer zusammen mit der nuanciert und feinsinnig spielenden Katharina Uhland tief in diesen Seelenzustand zwischen mentalen Auflösungserscheinungen und Ausbrüchen von Furor ein. Schon zu Beginn, als die minutenlange Stille kaum auszuhalten ist, in der Elektra in sich versunken auf der Bühne sitzt. Die ausverkaufte Premiere am Samstag ist mit viel Beifall aufgenommen worden. Regisseur Ben Baur zeigt die Tragödie von Hugo von Hofmannsthal, der den antiken Stoff frei bearbeitete, als Seelendrama.

Die Begegnungen mit ihrer Schwester Chrysothemis und ihrer Mutter könnten auch Nachtmahre sein, Halluzinationen, imaginiert von einem Hirn, das schon so lang auf der falschen Spur läuft, dass es nicht mehr weiß, was die Wirklichkeit ist. Dazu passt das von Baur gestaltete Bühnenbild mit den hintereinandergestaffelten Holzrahmen, die zur Bühnenrückseite hin immer kleiner werden, sodass sich optisch der Eindruck einer Unausweichlichkeit noch verstärkt. Michael Frei setzt grummelnd-dissonante musikalische Akzente

Katharina Uhland kauert, liegt, duckt sich, wälzt sich herum und muss etwa die Hälfte der Aufführungszeit – ohne dass wirklich ersichtlich wird warum - nackt bis auf einen Slip auf der Bühne verbringen. Alle anderen tragen glatt fallende dunkle Gewänder von Uta Meenen, die die Abstraktion der Szenerie unterstützen.

Dazu passt die formalisierte Gestik der Nebendarsteller, Arme hoch, Arme vor, Arme beiseite. Lynn Ebert, Angelika Fornell, Benjamin Kempf, Frederik Schmid, Marie Seiser und Rahel Weiss übernehmen alle anderen Figuren - und hier wird die Abstrahierung zu weit getrieben. Es fügt der überzeugenden psychologischen Lesart des Stoffes nichts Neues hinzu, wenn die Figuren, mit denen Elektra spricht, vervielfacht werden, wenn also sechs Klytämnestras und drei Chrysothemis’ vor ihr stehen. Zudem müssen die Darsteller unentwegt chorisch sprechen, was recht schnell ermüdet und in seiner notwendigen Formelhaftigkeit der Erzeugung einer beklemmenden Situation nicht unbedingt guttut.

Wieder am 9., 16.10., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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