Charlotte Roches neuer Roman „Mädchen für alles“ kreist um Gewalt und Sex

Mutter mit Mordfantasie

Will ein politisches Statement setzen: Charlotte Roche. Foto: dpa

da taucht ganz zufällig die Redensart „ins offene Messer rennen“ auf – und bei Chrissi geht es im Kopf sofort ab: Sie stellt sich detailreich vor, wie sie die Leute neben sich blutig mit dem Messer traktiert. Später malt sie sich aus, wie sie ihrem mit Frischhaltefolie gefesselten Vater das Pilzmesser in den Penis rammt. Charlotte Roche hat für ihren neuen Roman „Mädchen für alles“ eine Hauptfigur ersonnen, die ihre psychische Labilität mit extremen Gewaltfantasien kompensiert – gespeist aus den geliebten US-Serien, die sie in Mengen anschaut, als wären sie eine Droge.

Düster, brutal und zynisch ist „Mädchen für alles“. Explizit beschriebener Sex und Umgang mit Körperflüssigkeiten spielen eine geringere Rolle als in den skandalumwitterten Vorgängerromanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ – sind aber wie ein Markenzeichen vorhanden. Ebenso wie Roches Neigung, lebenspraktische Tipps einzubauen – vom richtigen Umgang mit dem Puderpinsel bis zum besten Kissen für das Nickerchen am Schreibtisch.

Nicht, dass Chrissi noch ins Büro ginge. Zu anstrengend, hat die Mittdreißigerin entschieden und lieber ein Kind bekommen. Doch nun ist sie vollkommen überfordert mit Baby, dem teuren Eigenheim, den freundschaftlichen Verpflichtungen, die sie komplett aufgibt, und mit ihrem Ehemann Jörg, mit dem das Zusammensein zur Routine erstarrt ist. Doch vor allem hat sie keinerlei Interesse an ihrem Nachwuchs und keine Lust, sich windelwechselnd zu kümmern: „Ich bin eine richtige scheiß Ehefrau und eine noch beschissenere Mutter!“

Charlotte Roche 37, selbst Mutter, wollte ein Statement setzen gegen das Tabu, zu sagen, dass man die Mutterrolle nicht mag. Chrissi lässt ihr Baby schreien und zieht sich lieber raus aus allem. Überreichlich sind die Szenen, in denen sie beschreibt, wie sie sich zum Einschlafen auf Sofa, Bett oder Zugsessel begibt.

So wird eine Babysitterin engagiert, die zum titelgebenden Mädchen für alles wird. Und Chrissis Streben hat neben der Gier nach Serien, teuren eBay-Käufen, Bier und Koks ein neues Ziel. Sie gefällt sich in Machtposen, scheucht die junge, hübsche Marie herum und will sie sich in Gutsherrenmanier sexuell zu Willen machen – um ihrem Mann zuvorzukommen, der längst ein Auge auf sie geworfen hat, wie Chrissi sich einredet.

Roche schreibt erneut einen atemlosen, sehr umgangssprachlichen inneren Monolog, der sich rasch runterlesen lässt, dem man aber mehr Redigier-Input gewünscht hätte. So wird der Text manchmal platter, als die Konstruktion des Buches es ist. Denn viele Leserinnen werden Gefühlslagen in Chrissis Schlingerkurs zwischen Selbstzweifeln und Dominanzwunsch – mal die Gewalt abgezogen – durchaus wiedererkennen. Und die Frage, wie der Dauerkonsum von Gewaltserien unsere Psyche verändert, ist wichtig. Im Vorwort sagt ein Ich, angesichts des Serienkonsums bleibe für echte Menschen kaum noch Zeit. Dass dabei offen bleibt, ob das ihre Romanfigur oder die Autorin selbst sagt, ist ein gelungener Kniff, der das Thema noch näher heranholt.

Charlotte Roche: Mädchen für alles, Piper, 240 S., 14,99 Euro, Wertung: !!!::

Von Bettina Fraschke

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