Die Mutter der Nation: Sarah Connor in Kassel

Kassel. Früher sang Sarah Connor belanglosen Soulpop und drehte peinliche Dokusoaps. Nach ihrem Comeback-Album "Muttersprache" und ihrem Auftritt in Kassel muss man sie jedoch einfach mögen.

Kassel. Sarah Connor bringt selbst diejenigen zum Weinen, die ihre Musik blöd finden. Als die Sängerin im Oktober in der „Zeit“ auf einer ganzen Seite schilderte, wie sie eine syrische Mutter mit ihren fünf Kindern bei sich in ihrer Berliner Villa aufnahm, hatte mein Kollege Tränen in den Augen. Wahrscheinlich hätte er auch am Sonntagabend in der vollen Kasseler Rothenbachhalle vor Glück geweint.

Seit ihrem Nummer-eins-Album „Muttersprache“, einem „vertonten Elternratgeber“, ist die 35-Jährige nicht mehr die Sarah Connor, die sie einmal war. Mit belanglosem Soulpop hatte die aus Delmenhorst stammende Frau mehr als sieben Millionen Tonträger verkauft. Sie hatte das Mitglied einer Boyband geheiratet, ihre Liebe in einer schrecklichen Pro-7-Dokusoap festhalten und sich wieder scheiden lassen.

Bei ihrem Auftritt vor 5000 Fans in Kassel ist sie aber nicht mehr das „Monster“, das sie selbst erschuf, wie sie zuletzt selbstkritisch gestand, sondern so etwas wie die Mutter der Nation. Ihre neuen deutschsprachigen Lieder handeln von der Liebe zu ihren drei Kindern, von Flüchtlingen und ihrer eigenen Beerdigung, bei der man nicht traurig sein möge.

Connor holt zehnjährige Mädchen für Selfies auf die Bühne, und als in der zweiten Hälfte des knapp zweistündigen Konzerts eine Frau in der ersten Reihe zusammenbricht, kümmert sie sich auch um sie und gibt ihr einen Schluck Tee. Selbst über ihren elf Jahre zurückliegenden Patzer, als sie die Nationalhymne mit einer falschen Zeile sang, macht sie sich angenehm selbstironisch lustig. Man kann nicht anders, als die Frau, die man früher mindestens nervig fand, zu mögen.

Auch musikalisch hat sich Connor mit ihren Songschreibern Peter Plate, Ulf Sommer und Daniel Faust (Rosenstolz) neu erfunden. Ihre exzellente sechsköpfige Live-Band spielt großen und meist sehr melodischen Pop statt Plastik-Soul. Mit ihren drei Background-Sängerinnen sucht Connor auf dem in die Halle führenden Laufsteg immer wieder die Nähe des Publikums.

Ihren 15 Jahre alten Mega-Hit „From Sarah With Love“ interpretiert sie mit dem Ausnahmegitarristen Torsten Goods als lässige Barjazz-Version. Für ein Medley ihrer englischsprachigen Lieder zieht sie sich eine Trainingsjacke über. Bisweilen wird auch gerockt, aber im Zentrum steht doch immer Connors souveräne Stimme. Bezeichnenderweise wird das Schlagzeug hinter einer Glaswand gespielt, damit es nicht zu sehr den Ton angibt. Es soll ein Abend für die ganze Familie werden.

Der ist in den leisesten Momenten am stärksten. Im Zugabenteil singt Connor erst „Mein König“, eine Liebeserklärung an ihren Mann, der auch ihr Manager ist. Und ganz am Ende steht „Augen auf“, eine berührende Ballade über Mütter und Kinder auf der Flucht sowie marschierende Wutbürger im AfD-und-Pegida-Land. Da hatte selbst ich fast feuchte Augen.

Sarah Connor in der Kasseler Rothenbachhalle

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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