„Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand“: Eine packende Schau in Bremen

Das Mysterium Weib

Bislang verborgen: Edvard Munchs „Mädchen und drei Männerköpfe“ (1895-1898), 90 x 100 cm.

Bremen. Der Norweger Edvard Munch (1863-1944) gehört zu den herausragenden Malern der klassischen Moderne. Die Kunsthalle Bremen kaufte 1918 als erstes deutsches Museum eines seiner Gemälde: „Das Kind und der Tod“ (1899). Dass sie damit in den Besitz eines weiteren Gemäldes gelangte, stellte sich erst vor sechs Jahren heraus. Unter dem bekannten Bild wurde eine weitere Leinwand entdeckt. Auf ihr befindet sich ein bis dahin unbekanntes Gemälde Munchs. Es erhielt den Titel „Mädchen und drei Männerköpfe“ (um 1898).

Warum Munch die in seinem Schaffen einzigartige Komposition unter einem anderen Bild verschwinden ließ, bleibt rätselhaft. Alle anderen Fragen, die sie aufwirft, werden in einer packenden Schau geklärt - die erste in der Bremer Kunsthalle nach deren Sanierung und Erweiterung. Aufgeboten sind 80 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken, mit deren Hilfe beide Bilder in den Kontext von Munchs Gesamtwerks gestellt werden.

„Mädchen und drei Männerköpfe“ wirkt höchst grotesk. Rechts sitzt ein nacktes Mädchen, die Beine zusammengekniffen und den Kopf gesenkt. An einem Band schweben wie Luftballons drei Männerköpfe. Der orangefarbene Kopf ist dem Mädchen zugewandt und schneidet ihm eine Fratze. Thema des Gemäldes ist die Bedrohung der Unschuld des Mädchens durch die sexuelle Begierde des Mannes. Ausstellungskuratorin Dorothee Hansen schlägt den Bogen weiter: „Munch vereinigt in diesem Bild existentielle Themen wie Unschuld und Begierde, Liebe und Tod, die ihn zeitlebens beschäftigt haben.“

Viele von Munchs Werken fanden in wechselnder Zusammenstellung Eingang in den wiederholt ausgestellten „Lebensfries“. Auch in Bremen steht der im Blickpunkt. Er handelt von Liebe, Einsamkeit, Krankheit, Verzweiflung und Tod. Dabei entwirft Munch ein facettenreiches Bild der Frau. Mehrmals stellt er sie als Opfer des männlichen Begehrens dar.

Häufiger aber behält sie die Oberhand, etwa in den Gemälden „Vampir“ (1895) und „Die Frau. Sphinx“ (1894). Munch erklärte: „Das Weib in seinem Facettenreichtum ist dem Mann ein Mysterium, das Weib, das zugleich Heilige, Hure und unglücklich Liebende ist.“

Zuletzt stehen Werden und Vergehen im Blickpunkt. Im Gemälde „Vier Lebensalter“ (1902) versinnbildlichen ein fröhliches kleines Mädchen und drei mit zunehmendem Alter immer kummervoller dreinblickende Frauen den Kreislauf des Lebens. Und im Gemälde „Das Kind und der Tod“ verkörpert das kleine Mädchen, hinter dem die Mutter aufgebahrt liegt, das blühende Leben. Es blickt sorglos und hält sich die Ohren zu. Als wolle es vom Tod und all den Nöten, die das Leben mit sich bringt, nichts wissen.

Bis 26. 2., Kunsthalle Bremen, Am Wall 207. Infos: Tel. 0421-329080, www.munch-bremen.de. Katalog (DuMont Verlag) im Museum 29 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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