Nach diesem Film wollen Sie die Welt umarmen: Richard Linklaters „Boyhood“

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Eine Kindheit und Jugend: Schauspieler Ellar Coltrane als Mason in verschiedenen Phasen des Films „Boyhood“.

Als Erstklässler liegt Mason im Schulhof auf der Wiese und träumt sich in den Himmel. Am Ende sitzt er 18-jährig, leicht bekifft von Haschkeksen. in schönster Landschaft neben einem süßen Mädchen und seinem coolen neuen College-Mitbewohner und schaut ins flimmerige Abendlicht. Was hält die Welt für mich bereit? Wer kann ich sein in dieser Welt?

Richard Linklater entfaltet diese Fragen in seinem atemberaubend tollen Lachen-Weinen-Gänsehaut-kriegen-Berührtsein-Mitfiebern-die-Welt-umarmen-wollen-Film „Boyhood“, der in fast drei Stunden zwischen diesen beiden Bildern die Geschichte einer Kindheit und Jugend erzählt.

Linklater hat mit denselben Darstellern über zwölf Jahre lang gedreht, jedes Jahr ein paar Tage. Das Vergehen der Zeit, das Älterwerden muss in seinem einzigartigen Filmprojekt „Boyhood“ nicht herbeiinszeniert werden, sondern liegt vor, ist an den Menschen ablesbar. Und wird in ein Drehbuch eingefügt, das so liebevoll und zugleich so genau vom Leben erzählt, wie es dem Kino ganz selten gelingt.

Das Besondere: Linklater verzichtet weitgehend darauf, die großen Stationen abzuklappern: erster Schultag, erster Kuss, Scheidung der Eltern, Scheidung der zweiten Ehe. Er beherrscht vielmehr die Kunst, dem Leben als Ganzem eine Präsenz auf der Leinwand zu geben, ohne dass alles gezeigt oder auserzählt werden muss. Eingeblendete Jahreszahlen gibt es nicht, ganz dezent lässt Linklater eine zeitliche Einordnung einfließen - über die Musik, die aus dem iPod schallt, Fernsehbilder oder Plakate zum Obama-Wahlkampf.

Und so kommen uns die Menschen dieser Patchworkfamilie immer näher. Vor allem Mason (Ellar Coltrane), der Träumer, der als kleiner Junge Schlangenwirbel sammelt und im Spider-Man-Pyjama schläft. Der später am liebsten Gameboy spielt und heimlich Frauen in Unterwäscheprospekten bewundert. Der über Star-Wars-Figuren nachdenkt. Der noch später die Fotografie für sich entdeckt. Der als Teenie sein Facebookprofil löscht, weil er wieder mit echten Menschen sprechen will. Dem die erste Freundin abhandenkommt, weil er so ein ernster Typ ist. Der vor lauter Möglichkeiten, seine Zukunft zu gestalten, ganz eingeschüchtert ist. Und man sieht ihm ins Gesicht und weiß: Der Junge wird das alles gut schaffen.

So etwas ist ein typisches Gefühl beim Betrachten dieses Ausnahmefilms: Von Jahr zu Jahr fühlt man sich diesen Leuten mehr verbunden, will Masons Schwester Samantha (Lorelei Linklater) ans Herz drücken vor aufwallender Zuneigung, wenn sie sich als Teenie für ihren Papa in der Öffentlichkeit schämt, will Vater Mason senior (Ethan Hawke) den nötigen Anstupser geben, sich aus seiner stagnierenden Dauerjugendlichkeit zu lösen, und will Mutter Olivia Mut zusprechen, wenn sie sich wieder einmal mit dem falschen Mann eingelassen hat. Und mit ihr auch einfach ein paar Gläser Weißwein trinken.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: fünf von fünf Sternen

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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