Das Aktionstheater Kassel spielte das Stück „Koffer auf Reisen“ als vielschichtige Parabel

Auf dem Weg nach irgendwo

Debatten: Frau Colchina (Stephanie Hecht) und Herr Papel (Michael Werner) streiten sich. Foto:  Fischer

KASSEL. Der Bühnenraum - eine Kofferlandschaft. Kleine und große, an die hundert und allesamt schon oft auf Reisen gewesen. Die einen stehen sorgsam hintereinander, die anderen kreuz und quer durcheinander. Da sind zwei Kofferträger zusammengestoßen, kommen nicht mehr aneinander vorbei. Frau Colchina und Herr Papel beginnen einen Disput, wer muss ausweichen, wer hat Recht?

Das Aktionstheater von Helga und Werner Zülch spielt in der Halle des Dock 4 „Koffer auf Reisen“ des flämischen Autors Geert Genbrugge. Seit nunmehr 41 Jahren behauptet sich das Jugendtheater mit seinen Produktionen erfolgreich in der Kasseler Kulturlandschaft, und auch das neue Stück fügt sich da passgenau in das Profil der freien Bühne ein, ist es doch eine vielschichtige Parabel, die vieles anklingen lässt. Das Unterwegssein des modernen Menschen, das Suchen nach einem Sehnsuchtsort und vor allem der Beginn einer kleinen Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Koffer stehen da für gelebtes Leben, all das, was man mit sich herumschleppt, all das, was man bewahren will und das doch so schwer wiegt.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt Hermann Hesse. Doch zunächst tauchen die beiden lustvoll ein in ein Streitgespräch voller Attacken und Schmeicheleien, denn jeder hängt ja an seinen Regeln und Ritualen. Wie in diesem leichten Dialogstück die beiden Schauspieler ihren Part zu der die Stimmungen perfekt aufgreifenden Impressionsmusik von Hartmut Schmidt (Klavier) spielen, ist Slapstick pur und hintersinnig zugleich. Stephanie Hecht im gelben Sonnenblumenkleid gibt Frau Colchina mit einer hinreißenden Mischung aus scheuem Gebaren und wütenden Attacken, eine, die sich so sehr nach ihrem Sehnsuchtsort wünscht, dass sie die Mauern vor sich längst hochgezogen hat. Michael Werner im Fifties-Anzug stattet seinen Herrn Papel mit viel Charme, sanfter Lebensweisheit und anrührendem Trotz aus, ein romantischer Chaot, der dem Leben seinen Lauf lässt.

Helga Zülch zeigt sich in ihrer Regiearbeit kreativ, choreografisch genau und mit viel Gespür für die Personenführung. Sind wir nicht alle auf dem Weg nach irgendwo, da, wo der Lebensmensch wartet? Herr Papel hat wohl Recht. Ein Stück für Kinder und Erwachsene, ein poetischer Spaß über das Leben, das wir kennen. Viel Applaus zur Premiere.  Koffer auf Reisen im Aktionstheater Kassel, Halle Dock 4. Auch 29., 30. und 31.10., 20 Uhr. Vorbestellungen 0561/773142.

Von Juliane Sattler

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