Neu im Kino: „Sin Nombre“ erzählt mit Wucht von Emigranten aus Lateinamerika

Ein Zug nach Nirgendwo

Die Hoffnung fährt mit: Sayra (Paulina Gaitan) und Willy (Edgar Flores) auf dem Flüchtlingszug in Richtung USA. Foto: Prokino

Der Zug rattert durch das mexikanische Hinterland. Auf den Dächern der Güterwaggons sitzen hunderte von Emigranten aus allen Teilen Lateinamerikas. Zerlumpte Plantagenarbeiter am Rande werfen Orangen zu ihnen hoch. Die Emigranten, die sich auf den langen Weg ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten machen, sind solche Gesten nicht gewohnt. Denn sonst überfallen Gangs den Zug und rauben ihnen die letzten Ersparnisse. An den Stadtgrenzen warten die Ordnungshüter und machen Jagd auf die illegalen Passagiere.

Zwei Lebensläufe führt Cary Joji Fukunaga in seinem vielversprechenden Langfilmdebüt „Sin Nombre“ auf dem Dach des Güterzuges zusammen. Casper (Edgar Flores) sollte als Mitglied der berüchtigten Gang „Mara Salvatrucha“ die Emigranten ausrauben, nutzt aber die Gelegenheit, mit dem Mörder seiner Freundin abzurechnen und tötet den Gangsterboss, als er sich auf dem Zug an ein Mädchen heranmacht. Sayra (Paulina Gaitan) sieht in Casper fortan ihren Schutzengel. Der aber weiß, dass er mit der Tat sein eigenes Todesurteil gefällt hat.

Obwohl Regisseur Fukunaga in den USA lebt, stellt er sich mit „Sin Nombre“ in die Tradition des jungen südamerikanischen Kinos, das sich mit Filmen wie „Amores Perros“ von Alejandro González Iñárritu und Fernando Meirelles „City of God“ mit cineastischer Wucht den sozialen Härten und kriminellen Strukturen in Mexiko oder Brasilien stellte.

Ein reifes Regie-Debüt

Aber Fukunaga setzt den exzessiven Gewaltgemälden traditionelle Motive des Westerns und des Roadmovies entgegen. Mit der langsamen Fahrt des Zuges durch die verwunschenen Landschaften Mexikos kommt der Film immer wieder zur Ruhe und konzentriert sich auf die aufkeimende Zuneigung zwischen den beiden Hauptfiguren und den sozialen Mikrokosmos, der sich auf dem Dach der Waggons zwischen den Emigranten bildet.

Fukunaga beherrscht die Balance zwischen Vertrautem und Verstörendem perfekt und bleibt nah dran an den Menschen, die ihre letzten Hoffnungen tief in der eigenen Seele vergraben haben. Eine ungewöhnlich reife Leistung für das Debüt eines jungen Regisseurs, von dem man noch viel erwarten darf.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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