Ein Nachwuchs-Dylan: Marcel Brell müsste für „Sprechendes Tier“ erneut den Textdichter-Preis erhalten

Kraftvolle Texte sind sein Markenzeichen: Sänger Marcel Brell aus Berlin.

Sie heißen Andreas Bourani, Tim Bendzko, Max Giesinger, Mark Forster, Wincent Weiss und so weiter - die Jungs (mal mit, mal ohne Gitarre), die mit ihren eingängigen Melodien und nicht sehr vielfältigen Texten gerade weit oben in den Charts landen.

Was noch vor zwei Jahren musikalisch erfrischend wirkte, ist mittlerweile so austauschbar wie die Namen. Jetzt kommt noch so einer daher: Marcel Brell.

Doch diesen Namen sollte man sich merken. Drei Gründe:

1. Er ist ein Textdichter. Ein ausgezeichneter. Denn mit den Fantastischen Vier, Rio Reiser und Clueso hat Marcel Brell nicht nur das Musik machen gemeinsam. Er hat seit 2015 den Fred-Jay-Preis der Gema-Stiftung, der als wichtigster deutscher Preis für Textdichter gilt. Und für das Goethe-Institut ist er als „Botschafter der deutschen Sprache“ unterwegs. Damit ist er so etwas wie ein deutscher Nachwuchs-Dylan. Dass er den Textdichter-Preis zurecht bekommen hat, hat er mit seinem Debüt „Alles Gut Solang Man Tut“ bewiesen. Jetzt legt er mit „Sprechendes Tier“ ein kraftvolles Album voller Tiefe und Wortwitz nach. Ein Beispiel: „Und wir wären im Sommer in Bottrop-Kirchhellen, weil dein Vater uns Kirschen verspricht. Aber wir lieben uns - aber wir lieben uns - aber wir lieben uns nicht.“ Eigentlich müsste er gleich noch mal den Textdichter-Preis bekommen.

2. Die Stimme. Der Berliner hat eine charmante, manchmal fast rauchig-säuselnde Stimme, mit der er zum Glück nicht nur von großen Gefühlen singt. Es sind gerade die kleinen Begebenheiten, Begegnungen und Erfahrungen - und die Selbstironie, die einen beim Zuhören einfangen. Das ist allerdings zugleich ein Grund dafür, warum Marcel Brell - obwohl er auch melodischen Popsound kann - wohl nicht allzu schnell riesige Konzerthallen mit Mark-Forster-Fans füllen wird: Seine Lieder berieseln nicht sofort, dafür singt er aber auch nicht stumpf „Du bist das Ding für mich“, wie Forster in „Chöre“. Zwar braucht es für Titel wie „Fleck“ einige Durchläufe, doch gefällt Brell um so mehr: rotzig, tiefgründig und puristisch - das klingt gut.

3. Der Sound. Mit 13 Jahren hat er angefangen, sich das Gitarrespielen beizubringen und eigene Lieder zu schreiben. Klavierunterricht war schon als Fünfjähriger Pflicht, schließlich war der Vater Opernsänger und die Mutter Tänzerin. Heute ist der Sound des 34-Jährigen laut, aufpeitschend („Sprechendes Tier“), nachschwingend („Keine Worte“) und auch ganz intim („Steine“) - und immer vielschichtig.

Marcel Brell: Sprechendes Tier (Believe Digital/Soulfood). Wertung: Vier von fünf Sternen.

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