Elfriede Jelineks Sicht des Archiv-Einsturzes am Kölner Schauspiel

Närrischer als Karneval

Ohne Verantwortung: Lina Beckmann, Michael Weber, Manfred Zapatka und Thomas Loibl in der Jelinek-Inszenierung am Kölner Schauspielhaus. Foto: Lefebvre

Köln. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit einem Stück zum Einsturz des Stadtarchivs am Kölner Schauspiel - eine vielversprechendere Kombination ist kaum vorstellbar. Und sie enttäuschte nicht. Bei der von Intendantin Karin Beier inszenierten Trilogie „Das Werk. Im Bus. Ein Sturz“ fand der Jubel nach dreieinhalb Stunden Spielzeit kein Ende.

„Das Werk“ behandelt - abstrakt und blass - den Bau eines Speicherkraftwerkes in Österreich, in „Im Bus“ - ein kurzes absurdes Zwischenspiel mit Clowns - geschieht ein Verkehrsunfall. Eigens für die Aufführung hatte Jelinek „Ein Sturz“ geschrieben.

Für diesen Abschluss und Höhepunkt hat Johannes Schütz die Bühne in eine Baustelle verwandelt, in die Schreibtische mit Computern gestellt waren. Eine Tänzerin, entkleidet bis auf ihren Slip, mit Wasser besprengt, in Staub gehüllt, stellte die Erde dar, eine allegorische Figur: desorientiert, schlecht behandelt. In einem Bassin haust ihr Feind, das Wasser, verkörpert von einem athletischen Tänzer. In einem Pas de deux unterlag sie - und das Stadtarchiv in Köln sank in sich zusammen. Die Damen und Herren im Büro waren befremdet. Elektronisch verfremdet, ertönten Stimmen mit Anweisungen, was zu geschehen habe - aber es wurde nichts ausgeführt, das Unheil nahm seinen Lauf.

Die Stärke von Beiers Uraufführungsinszenierung lag im Konkreten. Sie streute Originalzitate ein aus Radio und Fernsehen, in denen Bürger die Katastrophe kommentierten und Politiker alle Verantwortung von sich wiesen. Bald sah das Schauspielhaus aus, als stürze es ebenfalls ein, zum Schlussbeifall wateten die Künstler in Gummistiefeln. Mit „Sturz“ ist es Beier geglückt, die Quintessenz der Farce auf die Bühne zu bringen: ein Stück für Köln in Köln, närrischer als Karneval. (dpa)

Wieder am 6., 7., 14., 23., 24., 26. 11. Tel. 0221/22128400, www.schauspielkoeln.de

Von Ulrich Fischer

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