Neu im Kino: Matthias Glasners „Gnade“ mit exzellenten Schauspielern

Das Nagen der Schuld

Gemeinsame Verdrängung: Die Ehe von Maria (Birgit Minichmayr) und Niels (Jürgen Vogel) ist eigentlich am Ende. Foto: Bejnarowicz/Alamode

Mit ihrem Sohn wandern Maria (Birgit Minichmayr) und Niels (Jürgen Vogel) ins nördlichste Norwegen aus. Sie haben die vage Hoffnung, am Rande des Eismeeres wieder zueinanderzufinden. Nach ein paar Monaten sind die alten, lieblosen Strukturen jedoch wieder hergestellt: Niels hat eine Affäre, Maria flüchtet sich in Doppelschichten, und die Dunkelheit der Polarnacht nistet sich in den Gemütern ein.

Dann läuft Maria auf dem Heimweg von der Arbeit etwas vors Auto. Ob Tier oder Mensch kann sie nicht erkennen. Am anderen Tag wird klar, dass ein 16-jähriges Mädchen angefahren wurde und in der eisigen Nacht erfroren ist. „Ich bin das nicht. Ich bin nicht dieser Mensch“, sagt Maria und bittet Niels, ihre Fahrerflucht zu verschweigen. Die Beule am Auto wird ausgebessert, das schlechte Gewissen bleibt.

Wie das nagende Gefühl der Schuld zwei Menschen und ihre Beziehung zueinander verändert, das zeigt Matthias Glasner in seinem neuen Film „Gnade“ mit geradezu atemberaubender Präzision. Die extreme emotionale Erfahrung und das Verschweigen schweißen das zerrüttete Ehepaar allmählich wieder enger zusammen. Allerdings gelingt Maria, die sich durch ihre Arbeit in einem Hospiz täglich als guter Mensch beweisen kann, die Verdrängung besser als dem moralisch weniger gefestigten Niels, der keinen Umgang mit seiner Schuldverstrickung findet.

Mit Minichmayr und Vogel hat Glasner Schauspieler gefunden, die sich der Kamera kompromisslos öffnen und das innere Drama ihrer Figuren präzise darstellen. An den genau gearbeiteten Dialogen ist kein Gramm zu viel, die Bilder aus den unwirklichen Polarlandschaften verstärken die Eindringlichkeit.

Gerechtigkeit, Schuld, Gnade: Es sind große moralische Begriffe, die hier ebenso analytisch wie hochemotional verhandelt werden - ein Drahtseilakt, der Glasner überraschend unangestrengt gelingt und „Gnade“ zum interessantesten deutschen Film im Kinoherbst macht.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.