Frieder Bernius mit Ensemble aus Estland bei den Musiktagen

Nahe am perfekten Chor

Frieder Bernius Foto: kmt/nh

Kassel. Neben dem Jubilar Heinrich Schütz, dessen 425. Geburtstag die Kasseler Musiktage feiern, steht ein anderer, der gerade 75 geworden ist: der estnische Komponist Arvo Pärt. Drei seiner Chorwerke sang der Estnische Philharmonische Kammerchor unter der Leitung von Frieder Bernius in der Kasseler Martinskirche im Wechsel mit Chorsätzen von Schütz.

Von einem Kontrast mag man weniger sprechen als von einem reizvollen Vergleich zweier Komponisten, die im Abstand von fast vier Jahrhunderten Spiritualität und Bindung an das Wort in den Mittelpunkt ihrer Musik stellen.

Pärts auf den ersten Eindruck streng archaisch wirkende Musiksprache ist gleichwohl von der Moderne geprägt. In einem Kosmos vorherrschender Moll-Klänge wirken plötzlich auftretende dissonante Reibungen besonders stark. Da beharrt eine Stimme auf einem Ton, während sich das harmonische Gefüge der anderen verändert. Oder es ziehen sich harmonische Phasenverschiebungen wie feine Risse durch eine klassische Architektur und lassen an der Festigkeit der Fundamente zweifeln.

Vielleicht den stärksten Eindruck erweckten die 25 Sängerinnen und Sänger aus Estland mit Pärts lateinischem „Nunc dimittis“, dem Lobgesang des Simeon. Ein Höhepunkt des gesamten Abends war die grandiose Dur-akkordische Steigerung und Verdichtung bei der Zeile „Ein Licht, zu erleuchten die Heiden“ in einem Stück, das Pärt im „Gloria“-Teil mit fast heiterer Polyfonie ausklingen lässt.

Dass die Gäste aus Estland mit der Musik ihres Landsmanns Pärts bestens vertraut sind, überrascht nicht. Dass sie darüber hinaus ein fast perfektes A-cappella-Ensemble mit besonders leuchtkräftigen Sopranen und Tenören sind, riss die 800 Zuhörer in der Martins-kirche am Ende zu Begeisterungsstürmen hin.

Bei den Sätzen aus der Geistlichen Chormusik (1648) von Heinrich Schütz glänzte der Chor ebenfalls mit Homogenität, Klangschönheit und ganz besonders beim Chorsatz „Die mit Tränen säen“ auch mit Ausdrucksstärke. Besser singen kann man kaum - besser deklamieren aber schon: Die Intensität des Schütz’schen Sprachausdrucks, wie es das Leipziger Ensemble Amarcord wenige Tage zuvor beispielhaft vorführte, fehlte hier - vielleicht gelingt dies auch nur muttersprachlichen Sängern.

Bach dagegen, der auch in seiner Vokalmusik eher instrumental denkt, befeuerte die Gäste aus Estland bei den beiden doppelchörigen Motetten „Komm, Jesu, komm“ und „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ zu einer geradezu überwältigenden Interpretation.

Kasseler Musiktage am Freitag, 20 Uhr, Alte Brüderkirche: Spohr Kammerorchester Kassel, Werke von Händel, Bruch, Hartmann, Pärt und Beethoven. Karten: Tel. 0561 / 203 204.

Von Werner Fritsch

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