Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen eine Bühnenfassung von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“

Naivling im Gedankenlabyrinth

Ein junger Mann entdeckt die Welt ausgerechnet in der Abgeschiedenheit eines Sanatoriums: Sören Wunderlich als Hans Castorp auf der Bühne der Bad Hersfelder Stiftsruine. Foto:  Iko Freese/ Drama-Berlin

Bad Hersfeld. Märklin, Spurgröße 1. Wenn der junge Ingenieur Hans Castorp in die Berge reist, um seinen Vetter Joachim im Sanatorium zu besuchen, rattert in der Bad Hersfelder Stiftsruine eine Modelleisenbahn über die Bühne. Ein erster Hinweis, dass hier eine Welt im Modell vorgestellt wird: Regisseur Janusz Kica bringt bei den Festspielen Thomas Manns Jahrhundert-Roman „Der Zauberberg“ auf die Bühne. In der zu zwei Dritteln gefüllten Ruine gab es am Mittwoch nach zweieinhalb Premierenstunden (mit kleinen Längen) freundlichen Beifall.

Es ist von vornherein klar, dass sich der philosophische Ideenkosmos sowie die ironische Sprachakrobatik des Meisterschriftstellers nicht ohne Weiteres auf die Bühne bringen lassen. Die Inszenierung konzentriert sich stattdessen auf die skurrilen Figuren und klappert einige Stationen in der Geschichte des Hans Castorp ab, der ausgerechnet in der Abgeschiedenheit die große Welt und die Liebe entdeckt - und prompt nicht zurück will.

Der 33-jährige Sören Wunderlich ist als Castorp eine Entdeckung. Wie ein Welpe schlakst er herum, unerfahren in seiner Männlichkeit. Knipst ein überdimensionales Grinsen an, um Unsicherheit zu übertünchen, wenn die angebetete Clawdia Chauchat (mit wiegenden Hüften sehr erotisch: Charlotte Sieglin) naht. Und wenn der mittelmäßige Naivling mal einen Gedankenblitz formuliert, zieht er die Augenbrauen zusammen und erschauert vor lauter Ehrfurcht über die eigene Bedeutsamkeit.

Aus dem großen Ensemble überzeugen ferner vor allem Daniel Friedrich als jovial-zynischer Arzt Hofrat Behrens, Stephan Ullrich als Castorps pädagogischer Beistand Settembrini, Annett Kruschke als verschrobene Oberin Mylendonk und Wolfgang Jaroschka mit den Rampensau-Qualitäten des großspurigen Kaufmanns Mynher Peeperkorn.

Singend und erzählend treiben Birthe Gerken, Maddalena Noemi Hirschal, Maaike Schuurmans und Iris Stefanie Maier als Patientinnenquartett die Story voran. In den glamourösen Roben der vorletzten Jahrhundertwende (Kostüme: Christine Haller) wandeln sie zwischen weißen Liegenstühlen, die als künstlerische Möbel-Installation die Bühne dominieren (Diana Pähler). Sehr eindrucksvoll schneit es später, und Hans Castorp irrt durchs Gestöber wie durchs fiebrige Gedankenlabyrinth.

Der überbordende Romantext wird in einigen zentralen Formulierungen plakativ vorgestellt, ist sonst aber vorwiegend auf Gags hin gekürzt. Die gebliebenen philosophischen Exkurse und hintergründigen Wort-Scharmützel rauschen – mündlich vorgetragen – arg schnell am Hörer vorbei.

Tief in Castorps Geistes-Chaos wechselt der Text dann kurz zu Andersens Märchen von der „Schneekönigin“, wo ein Junge gefühllos im Eispalast leben muss. Der schlichte Märchenton passt aber nicht hierher, und seine Einfügung macht umso deutlicher, dass sowohl die Bühnenfassung von Vera Sturm und Hermann Beil als auch die Inszenierung sich schwertun, eine Antwort zu geben, warum man den Roman überhaupt auf die Bühne bringen will.

Im Pulverdampf des Ersten Weltkriegs verlieren sich schließlich Hans Castorps Spuren, als Soldat stapft er ins Ungewisse. Und die Sanatoriums-Zwergin (Patrizia Margagliotta) singt im bewegenden, stillen Schluss das Lied vom Brunnen vor dem Tore: „Nun bin ich manche Stunde, entfernt von jenem Ort. Und immer hör ich’s rauschen: Du fändest Ruhe dort.“

Festspiele bis 5. August, Karten: 06621-400755.

Von Bettina Fraschke

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