Im Schloss in Bad Arolsen sind Aquarelle Erich Klahns ausgestellt, die das „Ulenspiegel“-Epos bebildern

Der Narr als Freiheitskämpfer

Zwei von 1312 Aquarellen über den Ulenspiegel: Erich Klahn malt etwa den Narr, wie er den Würdenträgern begegnet (links) und einen Abschied, als Ulenspiegel als Strafe auferlegt wird, nach Rom zu pilgern. Repro: nh

Bad Arolsen. Auf der bewegendsten Aquarellreihe Erich Klahns wird ein Grüpplein nackter Menschen von zwei Schergen in den winterlichen Wald getrieben. Die schmächtigen Körper mit den hängenden Armen leuchten zart gegen das Weiß des Schnees und die finsteren Soldaten mit ihren Waffen und ihrer Schnapsflasche. Flandrisches Leid unter der Herrschaft der Spanier im 16. Jahrhundert hat Künstler Erich Klahn (1901-1978) hier abgebildet.

Und erzählt in der weiteren Bilderfolge, wie der Freiheitskämpfer Ulenspiegel seinen Beobachterposten auf einem Baum verlässt, die Schergen umbringt und mit ihrer Kleidung die Nackten zu wärmen versucht. Klahn illustriert das belgische Nationalepos vom Ulenspiegel auf 1312 Aquarellen. Knapp 350 sind nun in einer Ausstellung im Schloss in Bad Arolsen zu sehen.

Gerade beim Betrachten der Schneeserie scheinen plötzlich die Epochen zu verschwimmen, unwillkürlich sieht man darin auch Bilder aus der Entstehungszeit dieser Werke – während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

In thematischen Serien, begleitet von einer Broschüre, die die Bilder mit den Textstellen verbindet, stellt die Schau die Vielfalt des umfangreichen Werks vor und macht dabei viele Aspekte von Klahns Arbeitsweise deutlich. Zum Beispiel den fast filmischen Umgang mit Perspektiven, wenn er eine Episode mal in Nahaufnahme, mal aus Distanz, mal gar senkrecht von hoch oben erzählt. Stilistisch wecken die Aquarelle Anklänge an die Plakatkunst des Art Déco und an den Expressionismus. Die Schau wird auch in Lübeck und Celle gezeigt, wichtige Orte in Klahns Leben.

„Der Narr ist er selbst“, sagt Werkkennerin Diana Maria Friz, die der Familie des Künstlers seit Jahrzehnten persönlich verbunden ist. Klahn hat sich selbst in der Figur des Ulenspiegel gezeichnet. Die Präzision der Gesichtsausdrücke, der Ausführung kleiner Bilddetails lohnt das genaue Betrachten. Die Auswahl der Romanpassagen, die illustriert werden, die liebevolle Gestaltung des Figurenpersonals, vor allem der Weggefährten Ulenspiegels, des dicken Lamme und der geliebten Nele, der Kontrast zwischen plastisch wirkenden Farbflächen und zarten Landschaftshintergründen, kann gerade durch die strenge Beibehaltung der Form über die hunderte Blätter schön verglichen und in den kleinen Veränderungen beobachtet werden. Wenn Ulenspiegel etwa im Roman vom Schelm, der mit seinen Neckereien auffällt, zum Widerstandskämpfer wird, verdunkelt sich das Farbspektrum, manche Bilder von Spionageaktionen sind komplett in Grau ausgeführt, schwach schimmert lediglich das Metall eines Patronengurts.

Bis 26. Juli, Bad Arolser Schloss.

Von Bettina Fraschke

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