Horst Seidenfaden taucht mit Kriminalroman „Die Akte Tristan“ in die Historie ein

Anke Dankelmann ermittelt auch im neuen Krimi von HNA-Chefredakteur Horst Seidenfaden wieder. „Die Akte Tristan“ ist der fünfte Fall der zur Kultfigur gewordenen Kasseler Kommissarin - und er führt sie tief in die Vergangenheit.

Und zwar in eine Vergangenheit, die noch nicht allzu weit zurückliegt, aber in der Erinnerung wenig präsent ist: Es ist die Zeit unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Jene Phase, in der es den neuen Machthabern gelang, Deutschland in rasender Geschwindkeit in eine gleichgeschaltete Diktatur zu verwandeln.

Ein Anruf führt Anke Dankelmann in eine Kasseler Senioren-Wohnanlage. Der 97-jährige Karl Windisch will von einem nie aufgeklärten Verbrechen berichten. Seine Erzählung wird für die Kommissarin wie für die Leser zu einer spannenden Zeitreise. Windisch, der damals Thomas Heinrich Surmann hieß, berichtet davon, wie er selbst im Jahr 1933 von der Aufbruchstimmung erfasst wurde.

Surmann, der zunächst nur einem befreundeten Polizisten bei der Aufklärung einer Mordserie im SA-Milieu helfen will, wird selbst Mitglied der braunen Schläger-Organisation und macht dort schnell Karriere. Wie kommt es, dass ein intellektuell begabter Mann mit klassischem Musikstudium sich derart vom nationalsozialistischen Sog erfassen ließ?

Seidenfaden gelingt es, die beklemmende Atmosphäre jener Zeit auf eindringliche Weise lebendig werden zu lassen. Surmann erliegt der Faszination, die von der Dynamik des neuen Systems ausgeht und - zunächst jedenfalls - alle Zweifel übertönt.

Zur spannenden Historienschilderung wird der Roman, weil Seidenfaden seine fiktive Figur in die realen Ereignisse jener Monate einbettet. In der Geschichte agieren auch die tatsächlich Verantwortlichen jener Zeit wie der NS-Gauleiter Karl Weinrich und Oberbürgermeister Gustav Lahmeyer, Ereignisse wie der Besuch Hermann Görings in Kassel im Frühjahr 1933 werden Teil der Romanhandlung.

Immer stärker wird man in die Geschichte Windischs alias Surmanns hineingezogen, in deren Verlauf er auch selbst schuldig wird. Immer mehr wird ein skrupelloser Gestapo-Mann mit dem Decknamen Tristan zu Surmanns Gegenspieler.

Surmann verliebt sich in eine Abiturientin aus dem Arbeitermilieu, und die Schilderungen der Lebensverhältnisse jener Zeit sowohl in den armen Vierteln der Nordstadt und der Unterneustadt, aber auch im vornehmen Wilhelmshöhe, vermitteln einen starken Eindruck vom Alltag jener Zeit. Gleichzeitig ist das Buch eine Liebeserklärung an das alte Kassel, das bei den Bombenangriffen von 1943 in Schutt und Asche versank.

Der Kriminalfall findet am Ende eine überraschende Lösung. Doch der wird fast zur Nebensache in diesem dichten historischen Roman, der sich so ähnlich auch an anderer Stelle hätte ereignen können.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.