Im Nebel der Melancholie

The Notwist haben ein neues Meisterwerk aufgenommen

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In ihren Zug möchte man sofort ein- und nie wieder aussteigen: Martin Gretschmann (von links), Markus und sein Bruder Micha Acher in der Nähe von Weilheim in Oberbayern.

Als im November vorigen Jahres das erste Lied aus dem neuen Album von The Notwist im Internet auftauchte, dachte man, der Computer sei völlig hinüber. Die Songs der Band aus dem oberbayerischen Weilheim klangen immer schon, als sei irgendetwas kaputt.

Aber dieses Gezirpe und die anderen geloopten Geräusche haben einen mit ihrer warmen Melancholie immer umarmt und über die schlimmsten Zeiten hinweggeholfen.

Und nun begann die Single „Close To The Glass“ mit kalten Maschinenbeats und piependem Krach, als sei das der neueste heiße Scheiß aus London. Irgendwann hörte man auch noch Sänger Markus Acher, dessen Kopfstimme plötzlich nach Disco klang und nicht mehr nach der brüchigen Bedächtigkeit, die ein Markenzeichen der Band war.

Einige Fans mag der neue Sound zunächst verschreckt haben. Mittlerweile ist längst klar, dass „Close To The Glass“ ein weiterer großartiger Notwist-Song ist. Und das ebenso betitelte Album ist schon wieder ein Meisterwerk einer Band, die nur Meisterwerke kann, wie ein Kritiker schrieb.

Mit dem Album „Neon Golden“ (2002) wurden die Brüder Markus und Micha Acher sowie Martin Gretschmann zur international wichtigsten deutschen Band seit Kraftwerk. Aus Krautrock, Indiepop, Electronica und Jazz schufen die Jungs aus der Provinz, die als Hardcore-Band begonnen hatten, etwas völlig Neues. Ihr Indietronic unterlegt unzählige Filme und Reportagen. Und weil alle Musiker noch in vielen anderen Bands aktiv waren wie Lali Puna und Console, galt die 20 000-Einwohner-Stadt Weilheim plötzlich als das neue Seattle.

„Close To The Glass“ erscheint passenderweise in den USA auf dem legendären Label Sub Pop, das mit Nirvana Musikgeschichte schrieb. „Das ist toll“, sagt Multiinstrumentalist Micha Acher unserer Zeitung. Zwei Jahre haben die drei Perfektionisten mit Gastmusikern an dem siebten Studioalbum seit 1990 gearbeitet. Der 42-Jährige nennt das Album eine „Collage mit vielen Brüchen“. Es ist unglaublich vielseitig und doch ein großes Ganzes.

Die Bandbreite reicht von geschrammeltem Indierock („Kong“) über lärmenden Shoegazer-Pop („7-Hour-Drive“) und sanfte Lieder, auf denen nur die Akustikgitarre und Markus Achers Stimme zu hören sind („Casino“), bis zum neunminütigen Instrumental „Lineri“. Über allem liegt diese Melancholie wie der Nebel über dem Ammersee.

Dort lebt der zweifache Familienvater Micha Acher. Wenn man ihn fragt, ob das der Weilheim-Sound sei, sagt er, Weilheim sei eher eine Einstellungssache: „Man macht nicht alles, um erfolgreich zu sein, sondern nur das, worauf man Lust hat.“ Einmal haben The Notwist einen Millionen-Deal mit dem Riesen Vodafone ausgeschlagen, der den Song „Pick Up The Phone“ für einen Werbespot haben wollte.

Lieber schreiben die Acher-Brüder Theatermusik wie jetzt für Sartres „Das Spiel ist aus“ am Deutschen Theater in Berlin. Und sonntags spielt Micha Acher immer noch in der Dixieland-Kapelle seines Vaters. Dafür dass The Notwist so wichtig sind, sind die Musiker ganz schön normal.

The Notwist: Close To The Glass (City Slang).

Wertung: Fünf von fünf Sternen

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