Neu im Kino: „Die Kriegerin“ ist ein beeindruckender Film über Rechtsextremismus

Die nette Nazibraut

Komplexe Figur: Alina Levshin spielt das Neonazi-Mädchen Alisa mit der szenetypischen halb abrasierten Frisur. Foto: Ascot Elite

Eigentlich sieht Marisa (Alina Levshin) aus wie ein nettes Mädchen von nebenan. So wie sie da im Aufzug des Krankenhauses steht, den Blumenstrauß für den Großvater in der Hand, ein Pony über den unruhigen, wachen Augen und ein paar lange Haarsträhnen, die das Gesicht einrahmen. Aber als sie sich beim Aussteigen herumdreht, sieht man auf dem Hinterkopf den halb rasierten Schädel.

Die janusköpfige Frisur ist das Markenzeichen für Nazibräute, und Marisa macht mit Hakenkreuz-Tattoo im Dekolleté keinen Hehl aus ihrer rechtsradikalen Gesinnung. Mit ihrem Skinhead-Freund Sandro (Gerdy Zint) und anderen Gleichgesinnten zieht sie randalierend durch einen Regionalzug. Die Nazis verprügeln einen Vietnamesen und rufen „Sieg Heil“.

Mitten hinein in die rechte Szene begibt sich David Wnendt mit seinem beachtlichen Regiedebüt „Die Kriegerin“. Das kommt gerade zur richtigen Zeit, wo sich Politik, Gesellschaft und Sicherheitsorgane nach dem Auffliegen der Neonazi-Terrorgruppe NSU eingestehen müssen, dass sie das Thema Rechtsradikalismus dramatisch unterschätzt haben.

Wnendt hat über Jahre hinweg gründlich in der rechten Szene recherchiert und aus dem gesammelten Material die Figur der Marisa entworfen, der die hervorragende Alina Levshin eine enorme Leinwandpräsenz verleiht. Ihre Marisa ist eine Überzeugungstäterin, die an ihre Grenzen gerät, als sie zwei afghanische Asylbewerber auf einem Moped mit einer kurzen, wütenden Bewegung des Lenkrades von der Straße abdrängt. Abends kehrt sie an den Tatort zurück, sieht die Blutflecken und mit der Gewalttat schleichen sich Schuldgefühle ein.

Als ihr Freund Sandro aus dem Gefängnis kommt, will er den rechtsradikalen Worten Taten folgen lassen. Auf einer Willkommensparty ist auch ein rechtsextremer Alt-Kader, der antisemitische Propagandafilme mitgebracht hat und Sandro eine gut gepflegte Wehrmachtspistole verkauft. Die Party, in der sich hemmungsloses Besäufnis, persönliche Konflikte, propagandistische Manipulation mischen, ist eine der besten Szenen des Films, weil hier die Komplexität der aggressiven Gruppendynamik aufgezeigt wird.

„Die Kriegerin“ ist kein Film, der eine schlüssige Erklärung für das Phänomen Rechtsradikalismus liefern will, aber viele persönliche, politische und psychologische Facetten des Problems sichtbar macht. Weit weg von aller Schulfernsehdidaktik ist Wnendt ein kluger, tief bewegender und höchst beunruhigender Film gelungen.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.