Das neue Album des Rammstein-Gitarristen Richard Kruspe

Eine Biografie wie aus dem Rock-Bilderbuch: Richard Kruspe (47) war in der DDR ein erfolgreicher Nachwuchsringer, ließ sich zum Koch ausbilden, ehe er als Gitarrist von Rammstein Weltruhm erlangte. Bei Emigrate ist er der alleinige Kapitän. Foto: Gnaedinger/nh

Mit Rammstein hat es der Berliner Gitarrist Richard Kruspe zu Weltruhm gebracht. Auf dem neuen Album seiner Zweitband Emigrate hört man auch Stars wie Lemmy.

Lemmy Kilmister hätte einige Gründe gehabt, Nein zu sagen, als sich Richard Kruspe bei ihm meldete. Der Rammstein-Gitarrist wollte den legendären Motörhead-Frontmann als Gastsänger für das neue Album seiner Zweitband Emigrate gewinnen. Vor Jahren hatte Kruspe bei einem Auftritt Lemmy eine Gitarre vor den Kopf gehauen. „Unser Techniker hatte mir zum fünften Mal die Gitarre falsch eingestellt. Da habe ich sie über die Bühne geschleudert. Der arme Lemmy wollte nur die Show ansehen und stand leider im Weg“, sagt Kruspe.

Zudem musste Lemmy dieses Jahr viele Konzerte absagen. Der Brite, der gerade 69 wurde, ist gezeichnet vom Rock-’n’-Roll-Leben und bekam einen Herzschrittmacher. Er sagte trotzdem zu. Nun hört man seine Reibeisenstimme auf dem zweiten Emigrate-Album „Silent So Long“ in „Rock City“, einem Remmidemmi-Rocksong, den Kruspe dem Star quasi auf den Leib geschrieben hat.

Dass Lemmy nicht Nein sagen konnte, sagt einiges über ihn aus, noch mehr aber über Kruspes Status in der Musikwelt. Die 1994 unter anderem von Kruspe und Sänger Till Lindemann gegründete Formation Rammstein gilt im Ausland als erfolgreichste deutsche Band der Gegenwart. Mit ihrem teutonischen Hardrock und heißen Pyroshows füllt sie selbst in New York große Arenen. Jemandem wie Kruspe, der einst DDR-Jugendmeister im Ringen war, sagt man nicht einfach ab.

„Wenn man zum ersten Mal seine Stimme hört, würde man am liebsten weglaufen.“

Schon Mitte der Nullerjahre hatte der in Wittenberge aufgewachsene Musiker das Gefühl, „dass ich neben Rammstein noch etwas anderes in meinem Leben brauche“. Emigrate sollte anders sein als Rammstein: internationaler, offener und auch weniger demokratisch. „Bei Rammstein haben wir oft endlose Diskussionen. Das wollte ich hier nicht wieder haben“, gesteht Kruspe unserer Zeitung.

Der 47-Jährige ist der Kapitän, die Band um den französischen Bassisten Arnaud Giroux eine gut funktionierende Mannschaft, wie man auf „Silent So Long“ hört. Die zehn Songs zwischen Industrial, Metal und Alternative-Rock sind abwechslungsreicher als der Sound von Rammstein.

Kruspe beweist, dass er nicht nur ein herausragender Gitarrist und Songschreiber ist, sondern auch singen kann: „Es gibt viele Sänger, die hassen ihre Stimme ein Leben lang. Diese Phase habe ich Gott sei Dank hinter mir.“ Als Gastsänger neben Lemmy hört man zudem Schockrocker Marilyn Manson und die Kanadierin Peaches.

Den Franzosen Giroux hat Kruspe während seiner Zeit in New York kennengelernt. Mittlerweile ist der Deutsche mit Freundin und Kind nach Berlin zurückgekehrt. New York ist seiner Ansicht nach „kein guter Ort für Familien“. Berlin sei mit seinen vielen Parks für kleine Kinder dagegen ideal. Später werde es jedoch schwierig, weil die Spree-Metropole eben auch eine „dunkle Drogenstadt“ sei: „Wenn der Nachwuchs zwölf wird, sollte man wegziehen.“

Sein Kumpel Lemmy sieht das mittlerweile sicher ähnlich. Zuletzt trank er während eines Interviews nicht mehr Whiskey, sondern Diätlimo.

Emigrate: Silent So Long (Vertigo/Universal).

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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