Rammstein blicken mit einem Best-of-Album auf ihre erstaunliche Karriere zurück

Die neue deutsche Härte

Männer am Strand: Die Rocker von Rammstein (Zweiter von links Sänger Till Lindemann) sind eigentlich brave Familienväter. Foto: nh

Eine Episode aus München, wo das für Totensonntag geplante, ausverkaufte Rammstein-Konzert in der Olympiahalle verschoben werden musste, zeigt: Die alten Reflexe mögen sich abgeschliffen haben, aber sie funktionieren noch. Auch über 17 Jahre nach dem ersten Konzert, das in Leipzig vor 15 Besuchern stattfand, rufen Rammstein zuweilen extreme Reaktionen hervor. Obwohl Gitarrist Richard Kruspe schon vor zwei Jahren sagte: „In Amerika hat Rammstein noch Kultstatus. In Deutschland sind wir Mainstream.“

Bis dahin war es ein langer Weg. Rammsteins Marsch durch die Rockgeschichte ist nicht nur gepflastert von abgebrannten Knallkörpern - der 48 Jahre alte Sänger und Texter Till Lindemann ist gelernter Feuerwerkstechniker - sondern von saftigen Kontroversen. Trotzdem - oder deshalb - gelangten Rammstein zu beträchtlichem Ruhm. Seit Kraftwerk war keine deutsche Band im Ausland so populär.

Jetzt veröffentlichen die martialisch anmutenden Rocker, die im wirklichen Leben mehrheitlich freundliche Familienväter sind (während Lindemann mit der knapp halb so alten Jungschauspielerin Sophia Thomalla liiert ist), die Rückschau auf ihre bisherige Laufbahn. „Made in Germany 1995-2011“ versammelt die 15 größten Hits wie „Mutter“, „Engel“, „Keine Lust“ sowie einen neuen Song, „Mein Land“. Der Refrain: „Du bist hier in meinem Land, meine Welle und mein Strand“. Auf dem Cover winken die Bandmitglieder in weißen Hosen und Karohemden gutgelaunt und ein bisschen debil blickend in die Kamera, sie tragen ein Surfbrett und stehen am Meer. Der Song überrascht mit Bläsern und erinnert an den Grölsong „The Final Countdown“ von den Schwedenrockern Europe.

Neben der „Standard Edition“ gibt es eine „Special Edition“, der eine CD mit Remixen beigelegt ist. Für den ganz harten Fan dürfte die rund 100 Euro teure „Super Deluxe Edition“ interessant sein: mit 240-seitigem Fotobooklet, komplettem Videokatalog sowie jeder Menge Making-of-Material.

Mit brachialem, monotonem, sehr eingängigem Rock prägten Rammstein ein Genre, das vielerorts als „neue Deutsche Härte“ bezeichnet wurde. Die Songs hatten wegen der plakativen Instrumentierung, Lindemanns tiefer Stimme und seinem böse rollenden „R“ hohen Wiedererkennungswert. Zur Rammstein-Lyrik inspirierten Abseitigkeiten des wirklichen Lebens: Man lotete Themen wie Sadomasochismus, Nekrophilie, Inzest oder sexuell motivierten Kannibalismus aus. So basiert „Mein Teil“ auf der Geschichte des als „Kannibale von Rotenburg“ bekannt gewordenen Armin Meiwes.

Mit den Jahren nutzte sich das Schockarsenal ab, inzwischen wirken viele Texte augenzwinkernd. Sämtliche Vorwürfe - gewaltverherrlichend! frauenfeindlich! eklig! pervers! - prallten an Rammstein ab. Nur, als die Band durch eigenes Verschulden in Nazinähe gerückt wurde, musste sie aktiv gegensteuern. Um die Vorwürfe, sie flirteten mit Symbolen des Faschismus, zu entkräften, veröffentlichten Rammstein das Lied „Links 2 3 4“, in dem sie sich zu einer eher linken Einstellung bekennen. Rammstein: Made in Germany 1995-2011 - Best of (Vertigo Berlin / Universal)

Von Steffen Rüth

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