Yoel Gamzou und die Neue Philharmonie München in Kassel

Mit voller Intensität: Cellosolist Stefan Hadjiev (Mitte) und Dirigent Yoel Gamzou mit der Neuen Philharmonie München. Foto: Hedler

Kassel. Hier ist man vom ersten Moment an hellwach: Mit Aplomp beginnt das Cellokonzert von Michael Gregor Scholl. Ein heftiges Signal bereitet dem Solisten die Bühne.

Das Signal eröffnete auch einen besonderen Konzertabend am Sonntag in der Kasseler Stadthalle, bei dem Yoel Gamzou (29), bis 2015 Kapellmeister am Staatstheater, mit einem Gastorchester auftrat: der Neuen Philharmonie München, einem Orchester internationaler Musikstudenten.

Gamzou hat in Kassel immer wieder interessante zeitgenössische Komponisten vorgestellt, die nicht mitten im Rampenlicht stehen. Jetzt durfte man die Bekanntschaft von Michael Gregor Scholl (52) machen, der als Berliner Barkeeper einen ähnlich exklusiven Ruf genießt wie als Komponist. Gamzou hatte ihn bewogen, eine gut zehnjährige Schaffenspause zu beenden. Ein Glücksfall, denn seine Neufassung des „Concert für Violoncello und Kammerorchester“ von 2004 ist eine Bereicherung des Genres.

Scholls Konzert mit seinen drei ineinander übergehenden Sätzen ist in der Tradition verwurzelt, nicht nur, weil darin der Dies-irae-Hymnus und ein Choral zitiert werden. Gleichzeitig ist die Tonsprache sehr individuell, äußerst prägnant, substanziell und klar. Dem anspruchsvollen, oft zweistimmig geführten Solopart steht ein transparent-farbiges Kammerorchester mit dezent eingesetzten Perkussionsbeimischungen gegenüber. Von großer Eindringlichkeit ist insbesondere der zweite Satz mit gemessen in der Tiefe beginnendem, dann in gesangliche Höhen aufsteigendem Solopart.

Mit großer Intensität und bewundernswerter Virtuosität (etwa in der Kadenz des ersten Satzes) brachte der Solist Stefan Hadjiev (32) Scholls Musik zum Sprechen – in traumwandlerischem Verständnis mit der von Yoel Gamzou ebenso temperamentvoll wie sensibel geführten Neuen Philhamonie.

Mahlers Neunte mit Yoel Gamzou: Für viele der 900 Konzertbesucher wurden Erinnerungen wach an das Konzert von 2011 an gleicher Stelle, als der damals 24-jährige Dirigent mit dem Staatsorchester und diesem Werk einen denkwürdigen Einstand feierte.

Mit mehr Helligkeitswerten als damals ging Gamzou die Sinfonie diesmal an. Sehnsucht und Ekstase, der erste Satz von Mahlers Abschiedswerk schien diesmal mehr von trotzigem Jubel als vom Schmerz bestimmt. Und im sehr gemächlich genommenen Ländler-Satz überwog dankbare Erinnerung die Trauer, ehe Tempo und Emotion im zweiten Teil eskalierten.

Mit ungeheurer Heftigkeit, in rasendem Tempo stürzten sich Gamzou und die Philharmoniker danach in die Rondo-Burleske, jenen irrwitzigen Satz, in dem noch einmal alle Kämpfe Mahlers toben, auch alle Sehnsüchte aufflackern, ehe sie im Adagio zur Ruhe kommen. Vielleicht ist es von einem so jungen Orchester wie diesem nicht zu erwarten, dass es die existenziellen Tiefen Mahlers in gleicher Weise erfasst, wie es das Kasseler Staatsorchester vermochte. Auch die Präzision des Zusammenspiels war nicht nicht ganz dieselbe.

Dennoch hinterließ das Adagio, in dem sich alles, auch die Zeit aufzulösen scheint, einen tiefen Eindruck. Als die herrlichen Streicherklänge verebbt und die letzten vier Bratschentöne verklungen waren, herrschte für eine kurze Weile ergriffenes Schweigen, ehe ein großer Jubel mit Standing Ovations ausbrach.

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