Nach mehrjährigem Umbau: Neue Galerie öffnet wieder

Kassel. In einem Festakt wird am Mittwoch die sanierte Neue Galerie in Kassel eröffnet. Ab Freitag (Tag der offenen Tür mit freiem Eintritt) steht sie allen Besuchern offen. Wie Museen Besucher gewinnen können, fragten wir Dirk Blübaum.

Wie Museen Besucher gewinnen können, fragten wir Dirk Blübaum. Er leitet die Staatlichen Museen Schwerin und ist Fachgruppensprecher Kunstmuseen im Deutschen Museumsbund.

Vor Sonderausstellungen stehen die Besucher Schlange – siehe „Gesichter der Renaissance“ in Berlin. In Dauerausstellungen herrscht gähnende Leere. Kann man das so sagen?

Dr. Dirk Blübaum: Attraktive Sonderausstellungen – und deshalb sind sie wichtig – ziehen erstmal Besucher ins Haus. Viele Häuser müssen sehen, was sie finanziell stärker bewerben können. Mehrheitlich läuft das Geld in die Werbung für Sonderausstellungen, und deshalb werden die auch stärker wahrgenommen. Die Leute in der Region meinen: Was ich vor Ort habe, kann ich mir immer anschauen, das läuft mir nicht weg. Das ist schade, und deshalb probieren wir – wie viele Kollegen – Themen für Sonderausstellungen aus den Dauerausstellungen zu entwickeln. „Gesichter der Renaissance“ war ein Sonderfall. Das hat ganz klar nur auf den werberischen Effekt gesetzt, das war weniger von einer inhaltlichen Komponente geprägt.

Wie kann man Leute in die Dauerausstellungen locken?

Blübaum: Wir machen gerade ein Experiment. Wir stellen in unserer aktuellen Ausstellung „Niederländische Savanne“ Farbfeldmalerei der Malerei aus dem 17. Jahrhundert gegenüber, also den Niederländern, unserem Kernbestand. Das fußt darauf, dass Frank Stella erklärt hat, dass für ihn einer der wichtigsten Künstler Paulus Potter (1625-1654) gewesen ist. Der Effekt ist, dass Besucher, die das Haus kennen, die alten Bilder neu anschauen. Man darf also nichts Beliebiges machen, sondern muss ganz bewusst immer wieder Verbindungen schaffen zwischen Dauer- und Wechselausstellungen. Die Qualität muss hochgehalten werden, also nur nicht Populismus um jeden Preis.

Haben sich die Erwartungen an Museen in den vergangenen Jahren verändert? Man hat das Gefühl, dass stärker auf Sonderausstellungen gesetzt wird, um gute Besucherzahlen zu erzielen und in den Statistiken gut dazustehen?

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Blübaum:
Das ist schon in den 90er-Jahren so gewesen, dass wir schauen mussten, wo wir das Geld herbekommen. Schon damals wurden die Kultur-Etats arg zurückgefahren.

Bei Museen ist das Aufgabenprofil vielfältiger als etwa bei einer Kunsthalle, die nur Wechselausstellungen macht. Diese Anforderungen lassen sich nicht messen. Müssen Sie da in der Öffentlichkeit um mehr Verständnis werben?

Blübaum: Auf jeden Fall, und das tun wir auch. Wir müssen wegkommen von reinen Fußmessgrößen. Also: Wie viele Besucher sind dagewesen? Wir bewahren, restaurieren, erhalten, erforschen, vermitteln das kulturelle Erbe. Das sind Arbeiten, die meistens im Hintergrund laufen, die man nur als Ergebnis in der Ausstellung sieht. Und Bildung im Sinne eines außerschulischen Lernorts gewinnt immer größere Bedeutung.

Warum ist das so?

Blübaum: Man muss feststellen: Die Vorkenntnisse bei Museumsbesuchern sind immer schlechter, sei es bei der alten, sei es bei der neuen Kunst, vollkommen egal. Das geht bis weit in die christliche Ikonografie hinein. Die Kreuzigung wird noch erkannt, aber wenn es ein bisschen abseitiger wird, ist das nicht mehr gegeben. Oder auch die etwas sperrigere zeitgenössische Kunst – wenn Sie vom Fernsehen her gewohnt sind, dass alle drei Sekunden geschnitten wird, erfordert das Aufnahmepotenzial, sich 15 Minuten auf ein sich nicht bewegendes Bild oder eine Installation zu konzentrieren, eine vollkommen andere Wahrnehmungshaltung. Die muss eingeübt werden. Das kann man nur in Museen und Kunsthallen lernen: dass man sich konzentriert mit Themen beschäftigt und nicht gleich wegzappt.

Wie können Sie denn diese Aufmerksamkeit, gerade bei Kindern und Jugendlichen, gewinnen?

Blübaum: Da sind wir erfolgreich, indem sie sich in Vermittlungseinheiten – sei es selbst kreativ oder interpretatorisch - ganz intensiv mit einem oder wenigen Bildern auseinandersetzen. Da kommt man schon an die ran. Wichtig ist, in einen Dialog zu kommen, also nichts frontal herunterzubeten. Auch, wenn es mal kontrovers wird.

Aber in Kunstmuseen beschränkt sich Interaktivität aufs Reden. Viele Museen setzen aufs Mitmachen, aufs Selbst-Ausprobieren. Bei der Kunst darf man nichts berühren.

Blübaum: Klar. Aber im kreativen Bereich kann man etwas anbieten, nämlich selbst modellierend, zeichnend, malend tätig werden zu können. Wir haben zum Beispiel auch Jugendfilmprojekte.

Wie ist es um die Qualität des wissenschaftlichen, also kunsthistorischen und -pädagogischen Nachwuchses bestellt?

Blübaum: Ich stehe der Bologna-Reform nicht hundertprozentig positiv gegenüber. Die Tiefe, die der Magisterabschluss hatte, und auch die Promotion, erreicht der Bachelor gar nicht und der Master – naja, vielleicht. Es ist eine sehr verschulte Ausbildung, die vom werdenden Wissenschaftler keine Eigeninitiative mehr erfordert: Instand gesetzt zu werden, Fragen zu stellen, sich seine Probleme zu suchen. Das ist langfristig ein Problem, wenn diese Generation in der Position des Lehrenden sein wird. Was vermitteln die noch an die dann jungen Wissenschaftler? Jetzt lehrt noch die alte Generation nach einem neuen System.

Wie sollten sich Museen positionieren? In Kassel gab es eine Debatte darüber, welchen Stellenwert die Kunst des 19. Jahrhunderts haben sollte und wie viel Raum die spezifische Kasseler Kunstgeschichte einnehmen sollte. Mancher plädierte für ein Museum nur des 20. und 21. Jahrhunderts. Etwas überspitzt gefragt: Muss jedes Museum einen Picasso haben?

Blübaum: Es ist zurecht oft bemängelt worden, dass die Bestände vielfach ähnlich sind – ob nun mit Picasso, Richter, Polke… Jedes Haus hat aber seine eigene Geschichte, eine gewachsene Sammlung. Man wäre vollkommen falsch beraten, damit fahrlässig umzugehen. Es ist wichtig, von dieser Einmaligkeit auszugehen, diese nicht über Bord zu werfen, sondern sie in die Zukunft hineinzunehmen. Das sollte insgesamt ein Profil ergeben, auch in den Sonderausstellungen. Man kann einen Picasso zeigen, wenn es zum Thema passt. Aber man darf nicht mit der Brechstange arbeiten. Und man muss umgekehrt in Kassel auch nicht nur Kasseler Künstler zeigen.

Fotos: Neue Galerie fertig saniert

Neue Galerie fertig saniert

Im Depot der Neuen Galerie gibt es hunderte Werke, die vermutlich niemals einen festen Platz in der Sammlung finden, vielleicht nie gezeigt werden. Dürfen sich Museen von Werken trennen?

Blübaum: Man kann sicher über Dauerleihgaben an andere Museen sprechen, wenn sie dorthin besser passen. Aber nicht über Verkäufe. Museen haben auch einen Archiv-Charakter, wir bewahren kulturelles Erbe. Und die Aussagekraft von Kunst kann sich ändern. Es kann sein, dass man in einigen Jahren Dinge in einem anderen Kontext neu bewertet.

Die klammen Kommunen könnten Gemälde verkaufen, um die Haushalte zu sanieren – Kassel besitzt zum Beispiel zwei Gerhard Richter, die sicher viel Geld erzielen könnten…

Blübaum: Natürlich können Sie Ihre Mona Lisen verkaufen. Aber das ist ein Strohfeuer. Und Sie haben einen riesigen Renommeeverlust, und einen Verlust an Attraktivität. Das Image ist teilweise teurer als der Gerhard Richter. Wenn Museen als Verkäufer auftreten, haben sie einen riesigen Imageschaden. Jeder fragt, wie gehen die mit unserem Erbe um? Zweitens: Wir verhandeln gerade über eine Schenkung von über 100 Gemälden. Meinen Sie, mir schenkt noch jemand was, wenn ich verkaufe? Schenkungen finden statt, damit die Werke in der öffentlichen Hand bleiben und gesehen werden können. Die Furcht wäre doch groß, dass Museen nach dem Tod sofort verkaufen.

Pauschal gefragt: Tut Deutschland genug für sein Kulturerbe? Blübaum: Es gibt Städte, wo wirklich viel – sogar über die Maßen – getan wird. Frankfurt zum Beispiel, obwohl es nicht gerade reich ist, und hier im Norden Lübeck. Aber drei Viertel der Häuser sind strukturell unterfinanziert. Die müssen sehen, wie sie überleben können. Was nach außen wirkt, jenseits der Mieten und Personalkosten, sind bei uns im laufenden Haushalt 4,3 Prozent. Das ist nicht wirklich viel. Wir müssen also mit Drittmitteln und Sponsoren arbeiten, die auch nicht wie Pilze aus dem Boden wachsen.

Aber es gibt positive Beispiele für wunderbare neue Gebäude. Das Neue Museum in Berlin, das Albertinum Dresden, zuletzt die Kunsthalle Bremen, jetzt die Neue Galerie… Aber das bedeutet nicht, den dauerhaften Betrieb zu sichern.

Blübaum: Vieles kam aus dem Konjukturpaket 2. Also Geld zum Bauen. Das war Beton, was da aus Berlin kam. Und ein Neubau macht sich für einen Politiker unheimlich gut. Den kann ich eröffnen. Da hab ich was geschafft. Die permanenten Betriebskosten sind nicht so sexy. Bei einem Neubau haben Sie in 20 Jahren ungefähr das gleiche an Betriebskosten.

Zur Person

Dr. Dirk Blübaum (50, geboren in Detmold, verheiratet) studierte nach dem Abitur in Holzminden Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur, Klassische Archäologie und Niederlandistik in Marburg und Leiden (Niederlande). Promotion zur Kunstgeschichte im Spannungsfeld von Sprache und Politik in Belgien. Blübaum arbeitete im Bildarchiv Foto Marburg sowie kurzzeitig im Kasseler Stadtmuseum. 1994 wurde er Leiter der Abteilung Kunst des Zeppelin-Museums Friedrichshafen. Seit März 2009 ist er Direktor der Staatlichen Museen Schwerin. Außer für die Kunstsammlung ist er für die Schlösser Schwerin, Güstrow und Ludwigslust verantwortlich.

Von Mark-Christian von Busse

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