Neue Galerie: Die perfekte Illusion

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Große Vielfalt: Zwei Beispiele für Stofftapeten.

Kassel. Das Tapetenmuseum stellt in der Neuen Galerie in Kassel den Fabrikanten Paul Balin (1832-1898) vor. Er war berühmt für die Imitation von Leder oder Seide mit Papiertapeten.

Kassel. Eine spektakuläre Ausstellung zeigt die Museumslandschaft Hessen Kassel in der Neuen Galerie: „Schöner Schein! Luxustapeten des Historismus von Paul Balin“ stellt den herausragenden Hersteller von Stil- und Materialimitationen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor. Die Ergebnisse fünfjähriger Forschung mit zahlreichen Entdeckungen von Astrid Wegener, Leiterin des Deutschen Tapetenmuseums, sind in die einzigartige Präsentation geflossen, die auch aufgrund vieler hochwertiger Leihgaben aus Wien, London und Paris außergewöhnlich aufwendig ist.

Die Tapeten

Es sieht aus wie gestickt, ist aber eine Prägung. Es wirkt wie Goldleder, Brokat und Samt, wie Kacheln, ist aber Papier. Balin, der „wie ein Wahnsinniger experimentiert hat und obsessiv auf Genauigkeit bedacht war“, so Kuratorin Wegener, revolutionierte mit 15 Patenten die Tapetenherstellung. Seine Spezialität waren Imitationen von Lyoner Seiden, Keramiken oder Leder. Sogar eine gewisse Patina war nachempfunden.

Weltausstellungen

Bei den Weltausstellungen 1867 in Paris und 1873 in Wien staunte das Publikum über Balins irritierende Imitationen, über Tapeten mit aufkaschierten Seiden-, Musselin oder Tüllgeweben. Hier holt die Ausstellung die Besucher ab: Auch mit Möbeln, Skulpturen und Malerei wird die Atmosphäre dieser Leistungsschauen des Kunstgewerbes auf dem Höhepunkt des Historismus inszeniert. Balins Stand in Wien ist rekonstruiert, und auch heute noch gerät man sehr ins Staunen.

Die Manufaktur

Die Ausstellung erläutert nicht nur anhand von Exponaten wie Druckplatten und Mustern, sondern mit einem Film die sogenannte Kaltprägetechnik: Wie Balins Tapeten mittels einer Matritze in der Spindelpresse entstanden. Zu seinen 239 Angestellten zählten 1872 zwei Zeichner zur Erstellung der Entwürfe, 61 Graveure, die Druckmodel herstellten, 80 Drucker sowie Spezialisten für das Vergolden und Versilbern der Erzeugnisse. Es gab Filialen in London und den USA und einen Repräsentanten in Wien.

Es ging dem Unternehmer Balin stets um Effizienz und Kostenbewusstsein, doch seine Tapeten waren äußerst exklusive Produkte - „das Teuerste, was man in dieser Zeit erhalten konnte“, sagt Wegener. Eine einzige Balin-Tapetenrolle, zehn Meter lang, 56 Zentimeter breit, kostete 130 Francs. Eine Wäscherin verdiente drei bis vier Francs am Tag. Eine Karte zeigt, in welchen 20 Schlössern und Landsitzen von der US-Ostküste bis Bukarest und Kopenhagen heute noch Balin-Interieurs zu finden sind. Weitere Funde nicht ausgeschlossen: „Das Forschungsthema Balin ist nicht abgeschlossen“, sagt Wegener.

Inspiration und Marketing

Erklärt wird, aus welchen Quellen Balin schöpfte, welche Vorbilder er kopierte, mit welchen Marketingstrategien er den Erfolg geradezu erzwang: Balin belieferte die neu gegründeten Kunstgewerbemuseen, deren Archiven und Sammlungen sich diese beeindruckende Ausstellung verdankt. Nicht zuletzt kann man als Besucher in einem „virtuellen Raum“ die Balin’schen Entwürfe auswählen - oder sich für zeitgenössische Entwürfe des Designers Ulf Moritz für die Marburger Tapetenfabrik entscheiden. Das Unternehmen gehört zu den Förderern der Ausstellung.

Zur Person

„Ein sehr, sehr schwieriger Mensch“, sagt Kuratorin Astrid Wegener über den Tapetenfabrikanten Paul Balin. 1832 in Roye, Departement Somme, in die Familie eines gut situierten Stofffabrikanten geboren, wird Balin in der Tapetenmanufaktur Jules Desfossé in Paris ausgebildet. Mit seinem Bruder Albert erwirbt er die Manufaktur Genoux & Cie. 1868 müssen die Brüder aufgrund eines drohenden Konkurses Dekore zu Dumpingpreisen an konkurrierende Firmen verkaufen. Paul Balin trennt sich vom Bruder als Teilhaber. Er erlebt diese Krise als eine Demütigung, die ihn nie mehr loslässt. Balin ist ehrgeizig, karriereorientiert und unerbittlich streitlustig. Zwar erlebt er Erfolge auf Weltausstellungen, wird prämiert, 1877 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und in Wien mit dem Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens ausgezeichnet. Doch prozessiert er 20 Jahre mit an Besessenheit grenzender Konsequenz wegen Patentstreitigkeiten, er erklärt der Tapetenzunft quasi den Krieg, was als „Tapetenaffäre“ in die Geschichte eingeht. Balin steckt viel Geld in Gutachten, aber, so Wegener, „es gab keinen Gewinner“. 1896 eröffnet er ein Einzelhandelsgeschäft und bringt die Händler gegen sich auf. Als der Historismus an Popularität verliert, steht Balin „vor den Trümmern seines Lebens“. Er wählt 1898 am Tag vor seinem 66. Geburtstag den Freitod. Seine Gemälde und 1400 Stücke seiner Privatsammlung werden versteigert und verstreut, Haus und seine Firma übernimmt Alfred Hans. Die Manufaktur Hans & Fils produziert bis 1969.

Tapeten-Ausstellung in der Neuen Galerie

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