Die neue Grimmwelt - eine positive Konkurrenz

Freut sich auf die Grimmwelt: Gerold Eppler, stellvertretender Leiter der Grimmwelt, hier mit einem Modell von Gunter Demnig für die Künstler-Nekropole im Habichtswald. Archivfoto: Hein

Nachbar der Grimmwelt ist das Museum für Sepulkralkultur. Wie wird sich die Eröffnung am 4. September auswirken? Darüber sprachen wir mit Vize-Museumsleiter Gerold Eppler.

Freuen Sie sich auf die Eröffnung der Grimmwelt? 

Gerold Eppler: Ja, natürlich!

Sie sind froh, dass die Baustelle vorüber ist. 

Eppler: Die Zufahrt war hin und wieder beeinträchtigt, Bauarbeiten stören immer. Aber es ist fantastisch, dass die Grimmwelt in unserer Nachbarschaft entsteht.

Hoffen Sie, dass der Publikumszuspruch nebenan auch auf Ihr Museum abstrahlt? 

Eppler: Ich gehe davon aus. Unsere Themen - Sterben, Tod, Bestatten, Trauern, Gedenken - sind ja nicht positiv besetzt, deshalb gibt es immer noch Vorbehalte, unser Haus zu betreten. Dazu kommt der schwierige Begriff Sepulkralkultur, der vielen nicht geläufig ist. Ich hoffe natürlich, dass sich viele Besucher der Grimmwelt auch für unser kleines Spezialmuseum interessieren. Der eine oder andere wird sich auch in unser Haus verlaufen.

Dann müssten Sie schaffen, darauf aufmerksam zu machen. 

Eppler: Bei der Entwicklung im Kulturbereich in Kassel ist eine ungeheure Dynamik festzustellen. Das erinnert an den Museumsboom der 1980er-Jahre. Damals ging es oft um die Postmoderne in der Architektur. Was in Kassel entsteht, ist so etwas Ähnliches wie die Museumszeile am Mainufer in Frankfurt. Da gab es damals schon Synergieeffekte. Ähnliches wird hier geschehen. Der Unterschied ist, dass weniger die Architektur, sondern die inhaltliche Ausrichtung im Vordergrund steht. Die Umgestaltung der Neuen Galerie, der Bergpark als Unesco-Weltkulturerbe, das Stadtmuseum, das Landesmuseum: Hier werden Grundlagen für eine wirklich nachhaltige, vielfältige und facettenreiche Kulturarbeit geschaffen. Das wird das Museum für Sepulkralkultur spüren, das wird sich aber auch überregional auswirken. Die kulturpolitischen Entscheidungen sind derart weitreichend, das kann man derzeit noch nicht abschätzen. In Kassel ist so viel passiert. Man spricht immer über Berlin, aber diese Dynamik im Zentrum Deutschlands ist wirklich beeindruckend.

Da fehlt nur noch das Tapetenmuseum als weiteres Juwel. Würden Sie sich das auch wünschen? 

Eppler: Ja, schon deshalb, weil ich mich durch ein Sammlungsstück hier im Museum, Via Lewandowskys documenta-Kunstwerk, intensiver mit dem Stadtbaurat beschäftigt habe, der veranlasst hat, dass das Museum nach Kassel kommt. Mich würde das sehr freuen, wenn sich das ein weiteres Spezialmuseum in diese Museumslandschaft einreihen würde.

Glauben Sie, dass das jemals entstehen wird? 

Eppler: Im Kulturbereich braucht man auch etwas Geduld. Hier in Kassel hat sich das bewährt. Wenn ich daran denke, wie lange die Bebauung des Weinbergs diskutiert wurde. Irgendwann wird das Tapetenmuseum auch kommen.

Können Sie sich Kooperationen mit der Grimmwelt vorstellen? 

Eppler: Es gibt ja schon einen sehr offenen Austausch über die Museumspädagogen, die in Kassel sehr gut vernetzt sind. Der museumspädagogische Rat ist ein tolles Gremium, in dem Konzepte und Ideen diskutiert werden. Das wird sich fortsetzen. Und dieser Rat wünscht sich schon lange, dass auch mal museumsübergreifend Themen in den einzelnen Häusern ausgestellt werden. Beim Thema Tod gibt es viele Anknüpfungspunkte zu der Märchenwelt der Grimms.

Da fällt einem sofort die Formel „und wenn sie nicht gestorben sind“ ein. 

Eppler: Wir haben uns schon Gedanken gemacht, ob das nicht Titel einer unserer Sonderausstellungen sein könnte. Im Hinblick auf Friedhofs- und Bestattungskultur und Jenseitsvorstellungen könnte man vieles damit in Verbindung bringen: Vorstellungen des ewigen Lebens in der Alltagskultur, bis hin zu Vampiren, Wiedergängern - so genannten Untoten, die noch nicht richtig gestorben sind. Auch die Sprachforschung der Grimms findet in einer Zeit statt, in der auch in der Sepulkralkultur einen Paradigmenwechsel stattfindet. Da gibt es viele Möglichkeiten des Austauschs. Dazu kommt der Weinberg selbst mit seiner Geschichte, die man Häuser übergreifend darstellen könnte.

Können Sie diesen Umbruch skizzieren? 

Eppler: Der Umgang mit Sterben und Tod wird nicht mehr allein aus kultischer Sicht wie im Mittelalter betrachtet, sondern der wissenschaftliche Blick setzt sich durch. Der ganze Bereich wird Kirche und Familie entzogen und der öffentlichen Verwaltung, den Kommunen, übergegeben. Man betrachtet den Tod eines Menschen nicht mehr als Eintritt in eine jenseitige Welt, der rituell gestaltet werden muss - diese Jenseitsreise habe ich in vielen Kulturen -, sondern auf einmal rückt der Leichnam in den Blickpunkt. Es werden hygiensische und verwaltungstechnische Überlegungen angestellt. In den napoleonisch besetzten Gebieten, auch in der Region Kassel, hält eine andere Rechtsauffassung Einzug. Diese Epoche ist total spannend, weil hier die Grundlage für unseren Umgang mit Sterbenden und Gestorbenen gelegt wird.

Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war zu Zeiten der Grimms noch relativ hoch. Drei Geschwister der berühmten Märchenbrüder starben früh. Ist man damals dem Tod noch anders begegnet? 

Eppler: Das ist genau ein Thema, das damals wissenschaftlich behandelt wurde. Man nimmt den Tod nicht einfach als gottgewollt hin, es geht nicht mehr allein um das Seelenheil, sondern man untersucht, was die Ursachen sind. Die ersten hygienischen Erkenntnisse setzen sich in der Medizin durch, neue Verfahren der Wundbehandlungen. Bis dahin sind die Menschen überwiegend an Infektionskrankheiten gestorben, der Tod junger Menschen war alltäglich. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei Mitte 30 bis 40. Das ist heute unglaublich. Damals fängt man an zu untersuchen, ob nicht der Umgang mit Verstorbenen Auswirkungen auf die Lebenswelt hat: Vielleicht steigen aus den Gräbern irgendwelche Miasmen auf, Verunreinigungen, die die Lebenden beeinflussen. Man glaubt, dass Lebensmittel im Bereich der Friedhöfe schneller verderben, dass dort die Lebenserwartung niedriger ist. Das führt dazu, dass die Friedhöfe vor die Stadt verlegt werden, dass man mit dem Leichnam anders verfährt. Man glaubt, Haare und Fingernägel würden weiterwachsen. Auch die Angst vor dem Scheintod fällt in diese Epoche. Deshalb verordnen die Kommunen, dass Leichenhäuser errichtet werden, damit man nicht im Grab erwacht und dann einen furchtbaren Tod stirbt. Das ist ein Umbruch im Denken. Man betrachtet die Welt aus einer neuen Perspektive. Dazu haben die Grimms beigetragen.

Ein Problem wird sich für Sie verschärfen, das ist die Parksituation. Früher konnte man vor dem Museum am Weinberg bequem parken. Das wird künftig nicht mehr möglich sein. 

Eppler: Das ist tatsächlich ein Problem. Wir hatten früher schon bei Veranstaltungen Schwierigkeiten. Das wird sich verschärfen. Ich hoffe natürlich, dass das Verkehrskonzept der Stadt Kassel trägt und dass wir durch das neue Leitystem besser gefunden werden. Die Eröffnung der Grimmwelt hat für uns aber noch eine ganz andere Konsequenz.

Und die ist welche? 

Eppler: Unsere Dauerpräsentation ist in die Jahre gekommen. Die neuen Vermittlungsmöglichkeiten in der Grimmwelt sind für uns eine Herausforderung und ein Ansporn, sie zu überarbeiten. Das ist eine sehr positive Konkurrenz.

Zur Person 

Gerold Eppler (55, geboren in Worms) hat nach dem Abi eine Lehre zum Steinmetz und Steinbildhauer absolviert und Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Pädagogische Psychologie in Frankfurt studiert. Seit 1992 ist er im Sepulkralmuseum in Kassel beschäftigt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter, stellvertretender Museumsleiter und Vorsitzender des Stiftungsrates der Künstler-Nekropole. Der verheiratete Vater eines Sohnes lebt in Bad Emstal. Sein Hobby: Judo und Brazilian Jiu Jitsu beim BC Bad Arolsen.

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