Warum Formate wie „Bauer sucht Frau“ und Heimat-Magazine eine Bauernhof-Idylle inszenieren

Die neue Lust aufs Landleben

Karin

Die Bauern sind echt. Aber das Landleben ist eine Inszenierung. Die RTL-Kuppelsendung „Bauer sucht Frau“, eine Mischung aus Heimatfilm, Flirt-TV, Reality-Soap und Jahrmarktskultur, hat mit der Realität wenig zu tun: Der Zuschauer sieht romantische Höfe und die verschrobenen Protagonisten im blühenden Feld picknicken. Ein Kunstprodukt.

„Die Zuschauer wollen an dieses kitschig-romantische Lebensmodell glauben“, sagt die Medienwissenschaftlerin Professor Joan Kristin Bleicher vom Hamburger Hans-Bredow-Institut. Auch wenn es meilenweit von der Realität entfernt liegt.

„Bauer sucht Frau“: ein mediales Fenster für Zuschauer aus der Stadt. Für eine urbane, moderne und vom Landleben entfremdete Bevölkerung. Das Bedürfnis nach Naturnähe, Wald und Wiesen ist jedoch ungebrochen, sagt die Agrarsoziologin Dr. Karin Jürgens. Und die Medien befriedigen es. „Jeder kann sich ein Stück Land nach Hause holen“, sagt Jürgens.

Der Bedarf ist groß. Allein die Auftaktsendung zur neuen Staffel „Bauer sucht Frau“ sahen 7,7 Millionen Zuschauer im Fernsehen. So viele wie noch nie. Auch Popstars wie Madonna und Julia Roberts inszenieren ihr Privatleben inzwischen nicht mehr in Los Angeles, sondern zwischen Pferde-Ranch und Bauernhof.

Aus dem Boden sprießen auch Heimat- und Landmagazine. Der Vorreiter „Landlust“ verkauft sich pro Ausgabe mittlerweile 750 000 Mal. So viele Leser haben nicht einmal der „Focus“ und die „Bunte“.

Das Konzept ist einfach. Beispiel: Schweinezucht. Vorbildliche Bio-Betriebe werden vorgestellt, auf Massenzucht ausgerichtete Unternehmen ausgeblendet, sagt Karin Jürgens. Alltagsfremde Idylle für Stadtmenschen, die sich gern die eingeschweißten Billigschnitzel aus dem Supermarkt kaufen, aber nicht wissen wollen, wie die Schweine gezüchtet wurden. Die Leser erfreuen sich lieber an reich bebilderten Artikeln über Blumenzwiebeln und Porträts über Feldhasen.

Auch der Nachwuchs bekommt das Kunstprodukt Landleben bereits vorgesetzt. In Kinderbüchern wie „Ein toller Tag auf dem Bauernhof“ grasen die Kühe, Schafe und Ziegen auf grünen Wiesen und sind nicht beengt in Ställen zusammen gepfercht.

Von Stefan Morisse

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