Freiheit in der Musik

Neue Philharmonie München war zu Gast in Kassel

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Intensität und Lockerheit: Die Neue Philharmonie München mit Dirigent Yoel Gamzou (links vorn) und dem Violinsolisten Gilles Apap (Mitte). 

Kassel. Freiheit ist in der Musik eine feine Sache – wenn man etwas damit anfangen kann. Zum Beispiel bei Mozarts A-Dur-Violinkonzert, das beim Kasseler Konzert der Neuen Philharmonie München gespielt wurde.

Der französische Geiger Gilles Apap lässt beim Kasseler Konzert der Neuen Philharmonie München mit seiner sprechenden, sich dem strengen Tempokorsett entziehenden Spielweise eine solche Atmosphäre von Freiheit entstehen: im ersten Satz mit heiterer Lockerheit, im zweiten, einem zarten Adagio, mit einer schwebenden Leichtigkeit, die stets einen Kern von Melancholie in sich trägt. Das alles im feinen Dialog mit dem von Yoel Gamzou, dem früheren Kasseler Ersten Kapellmeister, geleiteten Orchester.

Gilles Apap ist kein Solist, der an der Rampe brilliert: Während des Spiels schlendert er durch die Reihen des Orchesters. Um dann im dritten Satz die Konzert-Konventionen ganz hinter sich zu lassen. Die Kadenz, die der individuellen Musikalität des Solisten Raum gibt, erweitert Apap zu einer Zeiten und Stile überschreitenden musikalischen Reise.

Zunächst pfeift er das Thema, begleitet sich auf der Violine wie mit einer Gitarre, ehe das Orchester mit Schlagwerk in eine jazzige Session einfällt, die über den Balkan in den Orient und nach Südamerika führt. Und irgendwie ist Mozart immer mit dabei. Wie ein augenzwinkernder Abschied wirkt da das kurze Satzfinale nach dem großen Ausflug. Das Publikum in der ausverkauften Stadthalle reagiert mit Jubelstürmen und wird mit einer mitreißenden Zugabe belohnt: Fiddlemusik im sinfonischen Gewand.

Freiheit bei Gustav Mahler bedeutet, die Form zu beherrschen, sich aber nicht von ihr beherrschen zu lassen. Yoel Gamzou, seit frühester Jugend mit der Musik und dem Impetus Gustav Mahlers vertraut, lässt die gewaltige 5. Sinfonie mit einer Unmittelbarkeit und Intensität des Ausdrucks musizieren, die die Zuhörer diese gut hundert Jahre alte Musik als Erzählung von hoher Aktualität und Dringlichkeit erleben lässt.

Der mit einer Fanfare beginnende erste Satz, ein Trauermarsch mit seinem ach so verlorenen Streicherthema kündigt das Unheil an, das sich im zweiten Satz mit Heftigkeit Bahn bricht, ohne zu einer Lösung zu finden.

Die Neue Philharmonie München, ein Orchester mit ambitionierten Musikern unter 30, lässt unter Gamzous Leitung etwas von der Urgewalt dieser Musik spüren und bewältigt auch das zentrale Scherzo mit seinen Verdichtungen, irren Läufen und tranceartigen Walzer-Episoden eindrucksvoll.

Wunderbar geatmet ist das Adagietto, klar und ausdrucksvoll ohne jede Sentimentalität. Nach dieser Versenkung schienen dann im turbulenten Finale Prägnanz und Konzentration im Orchester etwas nachzulassen, doch mit der Stretta wurde ein eindrucksvoller Schlusspunkt gesetzt.

Am Ende gab es Jubel und Standing Ovations für alle Beteiligten, besonders aber für den gerade 30 gewordenen Dirigenten Yoel Gamzou.

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