Marco Storman inszeniert Familienstück von Peter Handke

Neue Premiere: Und immer winken die Vorfahren

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Die Vorfahren sind wieder da: (von links) Anke Stedingk (Ursula), Christina Weiser (Großmutter), Moritz Löwe (Benjamin), Alexander Weise (Gregor), auf der Treppe: Anna Böger (Mutter), Christian Ehrich (Valentin). Vorn: Peter Elter als ICH.

Kassel. Am Kasseler Schauspielhaus inszeniert Marco Storman Peter Handkes Familienstück „Immer noch Sturm".

Noch bevor Peter Elter als groß geschriebenes „ICH“ ans Mikrofon tritt, winkt einer seiner Vorfahren ins Publikum: Benjamin, der jüngste Bruder seiner Mutter, gespielt von Moritz Löwe. Er wird als Erster umkommen im verheerenden Weltkrieg. Ganz am Ende von Peter Handkes Stück „Immer noch Sturm“, das am Samstag im nicht ganz ausverkauften Kasseler Schauspielhaus Premiere hatte, werden sie alle winken, die Vorfahren des ICH, hinter dem sich der Autor Handke verbirgt.

Marco Sˇtorman hat das Stück inszeniert, in dem Peter Handke nah an seiner eigenen Familiengeschichte Gestalten der Vergangenheit wieder lebendig werden lässt: die Großeltern, die Mutter, ihre drei Brüder und die finstere Schwester. Sie gehören der slowenischen Minderheit in Kärnten an, die als Obstbauern im Jauntal zu Füßen der Saualp leben.

Dem Ich-Erzähler, der ins Publikum spricht, erscheinen sie als Produkte seiner Fantasie, die ihren Tätigkeiten nachgehen, Apfelsaft herstellen, und die oft wiederholten Familiengeschichten erzählen, die sie zum Lachen bringen, auch wenn sie traurig sind, einfach weil sie Identität stiften.

Mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung sieht Peter Elter dem Treiben zu, in das er aber zunehmend selbst hineingezogen wird. Nämlich dann, als das Jahr 1936 vorbei ist – in der Familienerinnerung „unser glücklichstes Jahr“ – und die Schrecken des Weltkriegs auch diesen entfernten Winkel, inzwischen ein Teil des großdeutschen Reichs, erfassen. Zuerst wird die Identität, die slowenische Muttersprache, ausgetilgt, dann sterben nach und nach zwei Söhne, die Schwester ist längst bei den Partisanen. Und die Mutter wird angespuckt, weil ihr Kind – das ICH – in ihrem Bauch von einem „Reichsdeutschen“ ist.

Das ICH wird Teil des Spiels, angefeindet, gefesselt, dann hinaufgetrieben auf die Saualp, die aus Kisten

Auch die Mutter wird Indianerin: Szene mit Anna Böger.

slowenischen Apfelsafts besteht (Bühne: Frauke Löffel). Die Identitäten geraten ins Rutschen: Sind die Verwandten bloße Ausgeburten des ICH, wie die Masken mit den Zügen Elters suggerieren, die sie sich aufziehen? Oder führen sie ein Eigenleben, weil sie nicht das tun, was der ICH-Erzähler ins Publikum spricht?  Und was wollen sie von diesem ICH? Die Erzählerfigur weiß es nicht, spürt in sich lediglich ein vages „Ich soll ...“. Die Familie mit der strengen Großmutter (Christina Weiser), dem harmoniesüchtigen, geschwätzigen Großvater (Jürgen Wink), dem Obstbauern Gregor (Alexander Weise), dem weltläufigen „Weiberer“ Valentin (Christian Ehrich), dem naiven Benjamin (Moritz Löwe), der nur am Anfang fröhlichen Mutter (Anna Böger) und der ungeliebten Schwester Ursula (Anke Stedingk) löst sich im Laufe der dreistündigen Theatererzählung auf. Immer mehr nehmen die Vorfahren Züge von Indianern an (Kostüme: Anne Rudolph), ehe sie am Ende im Gruppenbild mit Federschmuck ins Publikum winken.  Es ist eine Illustration von Handkes Schlusspointe, womit ICH die Vorfahren verabschiedet: Dass in Alaska Indianer vom Stamm der Athabasken als letzte versprengte Ureinwohner sich von Zeit zu Zeit erheben und einander zuwinken: Wir sind noch da. Ein leichtes, poetisches Schlussbild dieses faszinierenden, aber auch fordernden Stücks. Denn auch in einer Zeit des extremen Individualismus und der Ich-Optimierung winken uns die Vorfahren aus der Vergangenheit von Zeit zu Zeit zu: Wir sind noch da. Starker Beifall.  

Wieder am 12., 13., 18., 19.6.,

Karten:  0561-1094-222.

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