Wim Wenders dynamisch-poetischer Film „Pina“ ist eine beeindruckende Hommage

Neue Sprache für den Tanz

Spektakulär: Ditta Miranda Jasifi tanzt in „Pina“. Fotos: Berlinale

Eine Männergruppe kommt auf den Betrachter zu. Ihre nackten Oberkörper beben, sie sind erdverschmiert, denn sie tanzen barfuß auf zentimeterdick ausgestreutem Mutterboden zur aufpeitschenden Musik. Alle atmen laut. Im Hintergrund drängen sich die Frauen eng aneinander, wie ein Organismus bewegen sie sich nach rechts, nach links.

Wim Wenders öffnet mit dem Tanzfilm „Pina“ einen Raum. Er dreht in 3D und lässt damit in noch nie da gewesener Form die Zuschauer in den Bühnenraum hinein, den Kulisse und Licht vorgeben, und den das Ensemble durchmisst. So nah, dass die Anstrengung der arbeitenden Muskeln erlebbar wird. Und auch, wie tief die Tänzer ihre Seelen bloßlegen in konzentrierten Soli und den großen Ensemblebewegungen, fließend wie ein Fischschwarm. Wir sehen Freude, Verzweiflung, Liebe.

„Pina“ ist eine Hommage an die Tanzchoreografin Pina Bausch, die 2009, als der Film schon in Planung war, gestorben ist. Die Erfinderin des zeitgenössischen Tanztheaters.

Regisseur und Ensemble verbeugen sich sehr tief, ein bisschen zu ehrfürchtig, wenn sie von ihr sprechen. Eine Meisterin mit großer Aura muss Bausch gewesen sein, eine Lehrerin, die viel gefordert hat, aber so viel Vertrauen spendete, dass ihre Tänzer für sie alles gaben. Und bis heute geben, wie zu sehen ist. Pina Bauschs Tanztheater, das heißt: Mit dem Körper zutiefst menschliche Gefühle ausdrücken, die die Zuschauer auf einer intuitiven Ebene wiedererkennen.

Der Film ist keine Biografie, Lebensdaten erfährt man nicht. Hauptsächlich spricht die Compagnie in ihrer Sprache: im Tanz. Wenders filmt vier Stücke, teilweise auf der Bühne der Wuppertaler Oper vor Publikum. „Vollmond“ gehört zu den spektakulären Arbeiten mit Bühnenregen und einer betanzten Wasserlache. „Café Müller“ ist ein kleinformatiges, melancholisches Stück über unsere Sehnsucht nach Beziehung, dazu kommen „Kontakthof“ und das kraftvolle „Sacre du Printemps“, auf Erde getanzt.

Wenn Wenders hineingleitet in den Raum, macht 3D inhaltlich Sinn: Er sagte bei der Filmvorstellung, „ich wüsste nicht, wie man es angemessener anwenden könnte, 3D kommt im Tanz zu sich.“

Für Archivaufnahmen hat er eine Bild-im-Bild-Ästhetik entwickelt: Ein Filmprojektor spielt die im Hintergrund zu sehenden Aufnahmen ab. So werden 2D-Szenen ins innovative, räumliche Konzept eingebunden. Zusätzlich berichten die Compagnie-Mitglieder, was ihnen Pina bedeutet, und sie tanzen kleine Soli mitten in der Stadt. In der Wuppertaler Schwebebahn, im Hallenbad, an einer Kreuzung. Wahrscheinlich sah die Stadt im Bild noch nie so elegant aus.

Von Bettina Fraschke

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