Ein großer Provokateur: Der Maler, Bildhauer und Grafiker Georg Baselitz wird heute 75 Jahre alt

Neue Wege für müde Augen

Markenzeichen „Kopfüber-Bilder“: Georg Baselitz 2010 im Dresdner Albertinum, wo nach der Renovierung ein Raum ausschließlich seinen Werken gewidmet ist. Foto: dpa

Er wird heute 75 Jahre alt, doch Georg Baselitz’ Furor und Lust an der Provokation, auch seine Neugier und Experimentierfreude lassen nicht nach. Er wolle „dabei bleiben, jung sein, dazugehören“, hat der Maler, Grafiker, Bildhauer und Zeichner gerade im „Spiegel“ gesagt - in einem Gespräch, in dem sich der Jubilar keineswegs altersmilde zeigt. Gegen das blöde Publikum, die Museen, den „Akademie-Schwachsinn“ wettert er. Frauen, behauptet er, fehle die nötige „Brutalität“: „Frauen malen nicht so gut.“

Baselitz, am 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz als Hans-Georg Kern geboren und in Kamenz aufgewachsen, zählt neben dem anderen großen Sachsen in der Nachkriegsmalerei, Gerhard Richter, zu den wichtigsten, meistgeschätzten Künstlern der Gegenwart. Der Träger des „Nobelpreises der Künste“, des Praemium Imperiale, mehrfache documenta- sowie Venedig-Biennale-Teilnehmer hatte im New Yorker Guggenheim-Museum ebenso eine Retrospektive wie in der Royal Academy London - als erster lebender Deutscher. Lange Jahre Markenzeichen der Bilder, die auch im Reichstag hängen: die auf den Kopf gestellten, um 180 Grad gedrehten Motive.

Der Professor in Karlsruhe und Berlin, der seit 1962 mit seiner Frau Elke verheiratet ist und dessen beide Söhne Galeristen sind, ist reich geworden. Sein Schloss in Derneburg bei Hildesheim hat er 2006 verkauft, am Ammersee hat ihm das Architekturbüro Herzog/de Meuron ein uneinsehbares Haus am Ufer gebaut, das Baselitz nicht fotografieren lässt, weil er Architekturtourismus fürchtet. Auch an der Riviera hat er ein Atelier.

Seine Anfänge ließen nicht auf eine ruhmreiche Karriere schließen. Baselitz flog wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Hochschule in Ost-Berlin, 1958 ging er in den Westen. Die DDR-Staatskünstler nannte er „Arschlöcher“, 1977 zog er wegen deren Teilnahme seinen documenta-Beitrag zurück. Bei seiner ersten Ausstellung 1963 wurden zwei Gemälde wegen „Unsittlichkeit“ beschlagnahmt, es kam zu einem Prozess. Baselitz gewann.

„Meine Bilder sind Schlachten“, sagt er. Rau, grob und aggressiv war bis in die 80er sein Pinselstrich, intensiv leuchten die Farben. Mit Axt und Kettensäge schuf er archaische Plastiken aus Holz. Er positionierte sich anfangs selbstbewusst zwischen sozialistischem Realismus und westlichem abstrakten Expressionismus, wollte die Bilder „aus der fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit wegbringen“, Traditionen zerstören, um den „müden Augen neue Wege zu zeigen“. Baselitz wollte stets die Konventionen, die Wahrnehmung in Frage stellen, die Aufmerksamkeit auf den Malprozess selbst lenken.

Und er versuchte immer wieder Neues. Für seine „Fraktur“-Bilder zergliederte Baselitz Motive in Streifen, für die Serie „Remix“ interpretierte er frühere Werke in helleren, aquarellartigen Tönen neu. Sein Wunsch als Kind war, sich ans andere Ende der Welt zu träumen. Bilder aus der Wirklichkeit zu lösen, bleibt sein Bestreben. Inzwischen träumt er davon, „ein Bild unsichtbar zu malen“, wie er dem „Focus“ sagte. Das Bild soll im Kopf entstehen, sein Geheimnis bewahren: Baselitz malt neuerdings schwarze Gemälde.

Von Mark-Christian von Busse

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