Nach über 80 Jahren sind zwei Plastiken aus Berlin in die Neue Galerie nach Kassel zurückgekehrt

Die neuen Frauen der 20er-Jahre

Köpfe für die Neue Galerie: Ernesto de Fioris Porträt von Elisabeth Bergner, hinten das Selbstbildnis von Renée Sintenis. Foto: Zgoll/nh

Kassel. Die Wege mancher Kunstwerke im 20. Jahrhundert waren verschlungen – die Debatte um Raub- und Beutekunst zeugt davon. Kriegsschäden sind unermesslich. Umso schöner, wenn es positive Nachrichten gibt, so wie in der Neuen Galerie.

In das Museum sind nach über 80 Jahren zwei Plastiken zurückgekehrt, die 1927 aus Mitteln der damaligen Provinz Hessen-Nassau für die Staatliche Gemäldegalerie angekauft worden waren. Die Nationalgalerie in Berlin hat sie um 1930 vermutlich als Leihgaben erhalten. Den Krieg überstanden sie in der Hauptstadt. Dann gab es Unklarheiten in der Eigentumsfrage. Mit einer Zwischenstation in Marburg blieben sie in West-Berlin, bis das Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz ihre Provenienz klären konnte. Beide Büsten sind derzeit in der Neuen Galerie ausgestellt. Volontärin Kazusa Haii hat ihre Geschichte recherchiert und beschrieben.

Das Bildnis der Schauspielerin Elisabeth Bergner (1897-1986) stammt von Ernesto de Fiori. Der in Rom geborene Österreicher, Jahrgang 1884, war in den 20ern ein bekannter Bildhauer, der gegen die Dada-Bewegung polemisierte und in einem Aufsatz erklärte, „Wie eine Statue entsteht“. München, Zürich, Paris waren seine Ausbildungs- und Lebensstationen. Er starb 1945 in São Paulo. 1955 war er auf der documenta vertreten.

De Fiori schuf Porträts zahlreicher Bühnengrößen. Bergner lernte de Fiori vermutlich 1918 in Zürich kennen. Die Jüdin, die auch für Wilhelm Lehmbruck Modell saß, mit dem sie eine Affäre hatte, emigrierte 1933 über Wien nach London, wo sie den Regisseur Paul Czinner heiratete. Zwei Jahre später erhielt sie eine Oscar-Nominierung. 1954 kehrte sie nach Deutschland zurück.

Die zweite Plastik (1926) ist ein Selbstbildnis von Renée Sintenis (1888-1965), die wie de Fiori von der Galerie Alfred Flechtheim vertreten wurde. Als Renate Alice Sintenis in Glatz (Niederschlesien) geboren, absolvierte sie die Kunstgewerbeschule in Berlin. Kennzeichnend für ihr Œuvre sind Tierplastiken. Als erste Bildhauerin wurde sie an die Preußische Akademie berufen, als Vierteljüdin musste sie die Stelle aber 1934 aufgeben. 1947 wurde sie erneut Professorin in Berlin. Bekannt ist sie vor allem für den Berlinale-Bären.

„Sintenis war der Prototyp der wirtschaftlich unabhängigen, emanzipierten Frau“, sagt Kazusa Haii. „Sie fuhr Sportautos und ritt gern durch den Tiergarten.“ Ihre Kurzhaarfrisur unterstreicht dieses Bild der „Neuen Frau“, die Sintenis auch durch ihre 1,80 Meter, ihre Androgynität und sportliche Erscheinung verkörperte.

Im Vorraum des Beuys-„Rudels“ bilden die Plastiken derzeit einen interessanten Kontrast zu Neuerwerbungen von Urs Lüthi, von dem ebenfalls ein Selbstbildnis in Form einer Plastik angekauft wurde.

Von Mark-Christian von Busse

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