Gil Scott-Heron gilt als Urvater des HipHop und überrascht mit einem Meisterwerk

Ein neuer Anfang mit viel Leid

Gerade hat Gil Scott-Heron einen neuen Anfang gemacht. Der 60-Jährige gilt als einer der Urväter des HipHop. Sein neues Album heißt „I’m New Here“, und sein musikalisches Gerüst ist denkbar radikal. Wir hören: Aufs allernotwendigste beschränkte HipHop-Beats zu sparsam arrangierten Melodien, dazu verzerrte Bässe. Manche Stücke sind kaum mehr als elektronische Soundscapes, die dunkel rumpelnd an Fabriken erinnern.

„I’m New Here“ - der Titel ist vielsagend, weil das Album tatsächlich einen neuen Anfang markiert, der nicht nur musikalisch, sondern unbedingt auch biografisch zu verstehen ist. Scott-Heron ist schließlich nicht irgendwer. 1949 in Chicago geboren, ist der im schwer rassistischen Tennessee aufgewachsene schwarze Musiker, Schriftsteller und Dichter ein vielzitierter Säulenheiliger; sich mit ihm zu vergleichen, bringt sogar einem so Star wie Kanye West böse Einträge in Internet-Foren ein.

Scott-Herons Angewohnheit, Texte nicht nur zu singen, sondern ihren Inhalt häufig einem sonoren Sprechgesang anzuverwandeln, sind verantwortlich für diesen HipHop-Gründungsmythos. Damals - das sind die frühen Siebziger, die erfolgreichste und produktivste Zeit für Scott-Herons in die schwungvollen Rhythmen und Noten des Funk, Soul und Jazz eingebettete Worte.

Auf Rassenhass, den Vietnamkrieg und den Watergate-Skandal reagierte Scott-Heron mit heftigen Botschaften, etwa mit dem medienkritischen Jazzfunk-Klassiker „The Revolution Will Not Be Televised“.

16 Jahre liegt die Veröffentlichung seines letzten Albums zurück. Und wie so viele Künstler konnte auch er die Finger vom Kokain nicht lassen, was ihm mehrere Haftstrafen einbrachte. Eigentlich galt er als weg vom Fenster. Nun singt er „I’m New Here“, zu neuartiger Musik, mit einem noch grollenderen Bariton. Alter und Erfahrungen hört man seiner Stimme an. Manchmal erinnert ihr Timbre an das des alten Johnny Cash. Heiter geht es auch bei Scott-Heron nicht zu.

Der Mann erzählt von seiner nicht nur fröhlichen Kindheit, von Menschen und ihren Schicksalen. Es steckt viel Leid und Einsamkeit in diesen Alltagsgeschichten, viel Kraft und sehr viel Seele. Man könnte Scott-Heron stundenlang zuhören.

Gil Scott-Heron: I’m New Here (XL Recordings / Beggars / Indigo). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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