Neuer Film im Kino

"Paradies: Liebe": Wenn Frauen Liebe kaufen

Liebe als bezahlte Dienstleistung: Beachboy Salama (Carlos Mkutano) und Teresa (Margarethe Tiesel). Foto: Seidlfilm/ nh

Wenn die Wiener Touristin Teresa nahe ihrem kenianischen Ferienhotel am Strand entlangschlendert, ist sie sofort umringt von schwarzen Männern. Nicht nur Muschelkettchen verkaufen die. Auch Sex haben sie im Angebot.

Davon erzählt Ulrich Seidls schonungsloser und beeindruckender Spielfilm „Paradies: Liebe“– Auftakt zu einer Trilogie der Frauenurlaube, die sich ferner mit einer Missionarin („Paradies: Glaube“) und einem Diätcamp („Paradies: Hoffnung“) beschäftigen wird. Der 60-jährige Österreicher („Hundstage“) arbeitet im Grenzbereich zwischen Dokumentation und Spielfilm, er kontrastiert durchdesignte Bildeinstellungen mit improvisierten Dialogen.

Sugarmamas heißen die dicken weißen Frauen jenseits der Lebensmitte, die für ein paar Urlaubswochen zwar auch die körperliche Begegnung mit schwarzen Männern suchen, aber darüber hinaus eben nichts Geringeres als Liebe und Geborgenheit. Wie das Geschäft mit den Emotionen funktioniert, zeigt Seidl mit erzählerischer Präzision und einer distanzierten Kamera, die den Figuren ihre Würde lässt, zugleich aber in großer Direktheit Mechanismen von Macht, Rassismus und Erniedrigung sichtbar macht.

Bei ihrem ersten Liebesdiener ist Teresa (Margarethe Tiesel) noch unbehaglich zumute. Bis Munga (Peter Kazungu) des Weges kommt. Der attraktive Mann weiß bis in Formulierungen und Berührungen hinein genau, was die weißen Frauen mögen, und bietet der korpulenten Teresa erotische Nächte unterm Moskitonetz und ein emotional getränktes Miteinander, das sie prompt für Liebe hält.

Als er dann immer mehr Geld fordert, zum Beispiel für die vermeintlich kranke Verwandtschaft, schwindet ihre Euphorie. Bald mag Teresa nicht mehr zahlen. Mungo haut ab. Und Teresas Enttäuschung ist groß. Zu verführerisch war die Illusion, dass jemand tatsächlich sie begehrt – auch ihren korpulenten Körper, der vom rigiden westlichen Schönheitsideal weit entfernt ist.

Im Kreis der Freundinnen entgleist Teresas Moral immer mehr. Mit der Selbstverständlichkeit einer Kolonialherrin fordert sie sexuelle Leistungen ein. Erniedrigend und rassistisch lassen sich die Frauen im Schutz der Sprachbarriere über die körperlichen Merkmale der Männer aus, machen sich lustig über die von ihnen erzwungenen Versuche, deutsch zu sprechen („Ich glänze wie eine Speckschwarte“), und engagieren schließlich einen Lustknaben, der mit einem Schleifchen um sein bestes Stück ausgestattet wird und die Clique kollektiv beglücken soll.

Ulrich Seidl trägt die Pose des Provokateurs vom Dienst vielleicht an manchen Stellen etwas zu dick auf. Er schafft es aber, dass die Zuschauer sich unabhängig vom Thema Sextourismus mit Teresa identifizieren können. Denn sie ist jemand, die in unserer Welt perfektionierter und sexualisierter Körper und extremen Jugendwahns für sich keinen Raum mehr für Liebe sieht. Einmal sagt sie: „Ich möchte jemanden finden der mir in die Augen schaut und mich meint.“

Von Bettina Fraschke

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: vier von fünf Sternen

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