Neuer Roman bei WhatsApp: Die Literatur von morgen?

Kunst aus Ravioli: Der Schriftsteller Tilman Rammstedt (40) schreibt seinen neuen Roman im Internet, wo er auch vorliest, Bilder postet und wie hier Quatsch mit Soße macht. Foto: Rammstedt/nh

Seinen neuen Roman veröffentlicht Tilman Rammstedt Tag für Tag im Internet. Auch über WhatsApp können Leser dem Berliner Schriftsteller folgen - und ihn beim Scheitern beobachten.

Tilman Rammstedt hatte schon immer gute Tricks, um seine Schreibblockaden zu überwinden. Früher las der Berliner Autor Woche für Woche auf der Lesebühne in der Hauptstadt - denn „da muss man sich verdammt noch mal hingesetzt und für diesen Abend etwas geschrieben haben.“ Und in „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ erzählte er von einem Autor namens Tilman Rammstedt, der Mails an Bruce Willis schreibt: Der Hollywood-Star soll seinen Roman retten, der nicht fertig wird.

Für sein neuestes Buch hat sich Rammstedt noch mehr unter Druck gesetzt: Seit 11. Januar veröffentlicht der Bachmann-Preisträger Tag für Tag ein Kapitel von „Morgen mehr“ im Internet. Die Leser können dem 40-Jährigen quasi bei der Arbeit zusehen - und vielleicht auch beim Scheitern.

Das Buch 

Die Idee zum „Live-Album“ hatte Rammstedt, als ihn ein E-Book-Verlag fragte, ob er nicht jede Woche eine Mini-Geschichte schreiben wolle. Das käme „meiner Art des Schreibens und der holprigen Entscheidungsfindung zugute“, dachte sich Rammstedt. Sein Print-Verleger Jo Lendle vom Hanser-Verlag fand die Idee auch großartig. Und so schreibt Rammstedt nun einen Roman.

Wer sich auf www.morgen-mehr.de registriert und einmalig acht Euro zahlt, bekommt Tag für Tag ein neues Kapitel - entweder per Mail oder im Nachrichtendienst WhatsApp. Auf der Webseite kann man sich den jeweiligen Text auch von Rammstedt vorlesen lassen. Dazu stellt der Autor lustige Selfiebilder. Wer will, kann sich die Stimmung des Kapitels in Emojis darstellen lassen.

Der Autor

Tilman Rammstedt

Als Rammstedt begann, hatte er noch keinen Handlungsstrang geplant - auch wenn die ersten Sätze lauteten: „Ich weiß alles. Ich weiß den Anfang, den Mittelteil und den Schluss.“ Nun handelt „Morgen mehr“ davon, wie der Ich-Erzähler seine Eltern zusammenbringen will, die ihn aber erst noch zeugen müssen. Das klingt so irre wie die meisten von Rammstedts Erzählungen.

In Kassel hat man sein Talent früh erkannt: 2005 erhielt der gebürtige Bielefelder hier den Förderpreis Komische Literatur. Zuvor hatte der Sohn eines Soziologieprofessors in Tübingen, Schottland und Berlin Philosophie und Literaturwissenschaften studiert und in der Band Fön Trompete gespielt.

Die Reaktionen 

Die mehr als 1000 Abonennten lesen nicht nur, sondern kommentieren auch eifrig. Sie freuen sich, wenn Rammstedt Dosenravioli literarisch verarbeitet und Wörter wie „Blitzzement“ verwendet - damit will ein zwielichtiger Dimitri den zukünftigen Vater des Ich-Erzählers im Main versenken.

Rammstedt bekommt auch Vorschläge, wie es weitergehen sollte, doch er sagt: „Das wird kein interaktives Buch.“ Das letzte Kapitel verschickt er am 8. April. Einen Monat später soll das Buch als Print-Fassung erscheinen. Manche fragen schon, ob das Projekt, das auch über Crowdfunding finanziert wurde, „die Literatur von morgen“ sei. Rammstedt indes bleibt bescheiden: „Für Verlage macht es bestimmt keinen Spaß, sich Digitalstrategien überlegen zu müssen“. Die digitale Strategie von „Morgen mehr“ ist jedoch ein sehr feiner Spaß.

www.morgen-mehr.de

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