„Morning Gloryville“-Party

Neuer Trend in Berlin: Vor der Arbeit in den Club

Sie haben schon um sechs Uhr gute Laune: Teilnehmer der ersten „Morning Gloryville“-Party in Berlin. Nach dem Aufstehen geht es direkt in den Club und dann erst an die Arbeit. Foto: Ty/Morningville

Berlin. Eine Schlange vor einem Club um 6 Uhr morgens ist in Berlin nichts Besonderes. Doch irgendwas ist diesmal anders: Das Publikum sieht für diese Uhrzeit überraschend aufgeräumt aus, außerdem ist es Mittwoch.

Einige halten Kaffeebecher in den klammen Fingern, andere eine Aktentasche über der Schulter. Die Wartenden sind keine Nachteulen, sondern Frühaufsteher – nicht noch, sondern schon wieder wach. Sie warten auf die „Morning Gloryville“-Party, eine Morgentanzeinladung, die über New York und London nun auch Berlin erreicht hat.

In der „Neuen Heimat“ in Friedrichshain wurde nun zum ersten Mal sofort nach dem Aufstehen gefeiert. Nach stolzen 15 Euro Eintritt und einer Ladung Glitzer ins Gesicht bekommen die Frühsportler gut gelaunten Elektro vorgesetzt, während sich vor den Fenstern träge der Berliner Wintertag aus dem Bett quält.

„Tanzen weckt deinen Körper und deinen Geist und gibt dir mehr Energie, als du jemals erwarten kannst“, werben die Veranstalter auf ihrer Webseite. In einer Ecke verbiegen sich Figuren in Paillettentrikots in Yoga-Posen, an der Bar werden statt Bier Frucht-Smoothies und Kaffee ausgeschenkt (auf Wunsch allerdings auch mit Jägermeister). „Das ist keine After-Party“ betont das Organisations-Team. „Wir wollen, dass alle nüchtern kommen.“

Gegen halb acht ist die Tanzfläche voll, und zu einer Techno-Version von „Ghostbusters“ wippen Tänzer mit Tiermasken und Funktionshemdträger direkt nebeneinander. Eine Gruppe Studenten ist im Schlafanzug gekommen. Auf der Box steht ein schmollendes Mädchen, das wahrscheinlich längst in der Schule sitzen sollte.

Was fehlt ist die Lässigkeit, die die Berliner Clubs zu Sehnsuchtsorten und den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gemacht hat. „Morning Gloryville“ ist keine besonders gute Party, sondern vielmehr ein Event und eine Idee, die Aufmerksamkeit erregt. Überall werden Handybilder geschossen, Journalisten halten ihre Mikros in die Menge, und die Lichter der Kamerateams sind zuweilen greller als die Scheinwerfer an der Hallendecke.

www.morninggloryville.com

Inzwischen gibt es den Mittwochs-„Morningville“-Rave in 15 Städten auf der ganzen Welt, doch es spricht viel dafür, dass Berlin vielleicht nicht der ideale Ort für die Parties vor der Arbeit ist. Während in New York oder London die Sperrstunde meist das Tanzen in den Sonnenaufgang verhindert, steht in Berlin praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Tanzfläche zur Verfügung. Und so ist gegen neun Uhr, wenn man mit der hellwachen Stadt zur S-Bahn treibt, eigentlich alles wie immer. Außer, dass man statt nach Rauch etwas penetrant nach Räucherstäbchen riecht.

Von Saskia Trebing

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