Einige Songs in Kassel vorgestellt

Neues Album: Bosse singt in "Alles ist jetzt" über politische Zeiten

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Wenn er zurück schaut, sind da mehr Lacher als Tränen: Auch davon singt Axel „Aki“ Bosse auf seinem neuen Album.   

Sänger Bosse liefert auf „Alles ist jetzt“ rockigen Erwachsenen-Pop für politische Zeiten.

Um im Jetzt ankommen zu können, braucht es eine Vergangenheit. Axel Bosse ist einer von denen, die uns mit wohligen Gefühlen zurückblicken lassen auf das, was war, was einen geformt hat – auf Orte und treue Weggefährten. 

Er geht dorthin, wo er aufwuchs und wo in den Straßen noch die Teenagerträume hängen („Hallo Hometown“), zurück in eine Zeit, in der Frisuren noch Kickermatten, Freunde und Geschwister wie „Indianer“ Blutsbrüder waren. Diese Reise zurück ist das Fundament, auf dem die Songs auf „Alles ist jetzt“, Bosses neuem, siebten Studioalbum stehen.

Doch Bosse bleibt nicht in der Vergangenheit kleben und nicht im Jetzt stehen. Er blickt trotz kritischen Zwischentönen lebensfroh und voller Zuversicht nach vorne. Was wie ein Widerspruch klingt, ist keiner, wenn man so authentisch ist wie „Aki“ Bosse, der kürzlich am Rande des #wirsindmehr-Demokonzerts in Chemnitz von einem peinlichen ARD-Moderator gefragt wurde, wer er denn sei und was er so für Musik mache. 

Bosse zeigt in neuem Album Reflexionsfähigkeit

Eine Frage, die vermutlich manchen Sänger, der nicht nur zuverlässig in den Charts landet, sondern auch zig Preise abräumte, die Sprache verschlagen hätte. Nicht so Bosse. Er sagte höflich: „Schön, dich kennenzulernen.“ Dann lenkte er das Gespräch auf das Wesentliche – auf den Protest gegen Rechts.

Den bringt er auch in seinen Liedern unter und lässt ganz selbstverständlich klingen, was in der aktuellen deutschen Popmusikwelt längst nicht selbstverständlich ist. In „Robert de Niro“ gibt es dumpfe Beats und Zeilen wie „Hass kommt von sozialer Ungerechtigkeit, vielleicht von fehlendem IQ, aber das ist einfach nur Nazi-Scheiß, die allerschlimmste menschliche Wut“. 

Und: In der rotzig-wilden und knalligen Liebeserklärung „Süchtig“ heißt es „Auf dem Rückweg zerreißt du ein Naziplakat und auf dem Maisfeld dahinter lieben wir uns hart.“ Es ist rockiger Erwachsenen-Pop (mit HipHop-, Ska-, Reggae- und Indie-Einflüssen) für politische Zeiten. Bosse macht einfach – ist reflektiert, ohne zu viel zu grübeln.

Einige Songs von Bosse in Kasseler Kulturzelt

Einige seiner neuen Songs hat er im Sommer das erste Mal live vorgestellt – im Kasseler Kulturzelt. Dazu gab es so manche Geschichte rund um die zweijährige Albumproduktion. Etwa die, wie es zum zurückgenommenen „Ich bereue nichts“ gekommen ist. Der Vater einer Tochter hatte an einem Sommerabend am Elbstrand voller Zufriedenheit – „Ich war voll wie ein Pferd“ – die Idee dazu. 

Bosse ist kein „Wanderer“ mehr, er hat seinen Trekking-Rucksack gegen ein Billy-Regal im heimeligen Hamburger Wohnzimmer eingetauscht und lässt alle daran teilhaben: „Weiter, geiler brauche ich nicht mehr. Das Leben ist kurz, zu kurz für ein langes Gesicht“, singt er im beschwingten „Alles ist jetzt“ – der perfekte Start in die zwölf neuen Songs.

Bosse klingt so, wie man ihn kennt. Der Sound ist vertraut und doch frischer, schneller. Stets tanzbar, manchmal hektisch, aber immer stimmig. Denn die Texte sorgen für den passenden Gegenpol, hinterlassen ein wärmendes aber nie schwülstiges Gefühl. Denn Bosses scheinbar einfach gestrickte Songs entfalten nach und nach ihren Texturreichtum. 

Man erkennt das Gewicht schwer greifbarer Gefühle unter der Lockerheit. Nichts wirkt hingewurschtelt oder zu perfekt – das Unperfekte ist das Perfekte. Damit trifft der 38-Jährige den Zeitgeist. Seine Reise zurück sorgt für das Ankommen im Jetzt – und für Hoffnung.

Bosse: Alles ist jetzt (Universal) Wertung: vier von fünf Sternen

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