Neues Album "Flotus": Lambchop experimentieren mit Autotune

Rundum behagliche musikalische Identität: Kurt Wagner von der Band Lambchop klingt auf „Flotus“ anders – gut.

So ungefähr sahen wahrscheinlich einige erste Reaktionen aus: „Ah, das neue Lambchop-Album! Angeblich soll sich die tolle Post-Country-Band aus Nashville um den charismatischen Nuschelbrummbär Kurt Wagner neu erfunden haben. Gleich mal reinhören.“

Kurz darauf fragt die kaum wiederzuerkennende Stimme des 1958 geborenen Sängers: „Are you awake yet? How many fingers?“ (Na, endlich aufgewacht? Wie viele Finger?) Aufgewacht? Nein, leider nicht, der Alptraum, der seit Daft Punks „Around the World“ (1997) und Chers „Believe“ (1998) auf den Namen Auto-tune hört und seither nahezu alle R&B-Superstars erschreckend gleichtönend blubbern, gurren und gurgeln lässt, fängt erst an. Was hat Wagner sich bloß dabei gedacht?

So ungefähr sahen wahrscheinlich einige erste Reaktionen aus: „Ah, das neue Lambchop-Album! Angeblich soll sich die tolle Post-Country-Band aus Nashville um den charismatischen Nuschelbrummbär Kurt Wagner neu erfunden haben. Gleich mal reinhören.“ Kurz darauf fragt die kaum wiederzuerkennende Stimme des 1958 geborenen Sängers: „Are you awake yet? How many fingers?“ (Na, endlich aufgewacht? Wie viele Finger?) Aufgewacht? Nein, leider nicht, der Alptraum, der seit Daft Punks „Around the World“ (1997) und Chers „Believe“ (1998) auf den Namen Auto-tune hört und seither nahezu alle R&B-Superstars erschreckend gleichtönend blubbern, gurren und gurgeln lässt, fängt erst an. Was hat Wagner sich bloß dabei gedacht?

Zerhacken und Zerschnipseln

Zunächst einmal hat der Mann, bevor er sich an die Aufnahmen von „Flotus“ machte, ziemlich viel HipHop und R&B gehört. Kanye West, Jay-Z, Kendrick Lamar, Shabazz Palaces und natürlich immer wieder Frank Ocean. Dessen jüngstes Album „Blonde“ ist, was die Unkenntlichmachung seiner sagenhaft gefühlvollen Soulstimme mittels Zerhacken und Zerschnipseln anbelangt, denkbar radikal. Frank Ocean drehte seinen Fans eine lange Nase, indem er mit „Blonde“ sagt: Soul hab ich mehr als jeder andere, das muss ich nicht beweisen.

So weit geht Wagner nicht. „Flotus“ will nicht verstören und nichts zerstören. Der wohl zunächst etwas gewöhnungsbedürftige, freilich ungemein kunst- und liebevolle Umgang mit der Stimmenverfremdungssoftware Autotune sowie ein grenzüberschreitender elektronischer Sound aus diskreten digitalen Beats und allerlei anderen repetitiven Strukturen und Motiven ist neugieriges Experiment und Verbeugung vor der Gegenwart in einem. Bemüht klingt diese Anschlusssuche nicht.

Der schönste Beweis

Lambchop waren immer schon sehr gut darin, von ihrer introspektiv-entspannten Americana-Mitte aus souveräne Ausflüge in den Soul, Funk, Krautrock und andere Genres zu unternehmen. Was immer Lambchop probierten, es klang auf lässige Weise zwingend. Der Schritt zu „Flotus“ mag ihr bislang größter sein, den Kern ihrer gedämpft orchestralen, rundum behaglichen musikalischen Identität aus getragenen Lambchop-Melodien, feingliedrigen Arrangements und Wagners – trotz aller Verfremdungen – nachdenklich klingendem Gesang beschädigt er nicht.

Die beliebte Gleichung „Elektronik gleich Party“ geht ganz und gar nicht auf. Der sanft an- und abschwellende, traumartig vor sich hinpluckernde Abschlusstrack „The Hustle“ ist der schönste Beweis. Um ausnahmsweise einen Kollegen aus der „Konkret“ zu zitieren: „Es klingt eher, als würde Kurt Wagner in den Sümpfen der Südstaaten ein paar hundert Meter flussabwärts eine Party beobachten, in die er nicht involviert ist.“ Wundervolles Bild. Fantastischer Song: 18 Minuten lang und immer noch zu kurz.

Lambchop: „Flotus“ (City Slang/Universal) Wertung: 4

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