Neues Album: Nick Caves intimes „Skeleton Tree“

Seit über 30 Jahren erfolgreich: Nick Cave bei der Arbeit an „Skeleton Tree“. Foto: Kerry Brown/nh

Ein Album wie eine aufgekratzte Wunde. Nicht glatt und heil, sondern schmerzend, offen. Das Innere dringt nach außen. Nick Cave hat mit „Skeleton Tree“ den Tod seines 15-jährigen Sohnes bearbeitet.

Zu glauben, dass verarbeiten auf diese Weise möglich wäre, ist vielleicht naiv. Nein, er versucht vielmehr, Trauer in Klänge und Texte zu fassen. Arthur Cave ist unter Einfluss von LSD, das er mit einem Freund zum ersten Mal ausprobiert hatte, von einer Klippe im englischen Brighton in den Tod gestürzt.

Das Album ermöglicht nun ein intensives, wirklich auch schmerzendes Hörerlebnis, bei dem man dem Meister der Dunkelheit so nah kommt wie vielleicht noch nie in einer Karriere seit dem legendären Debütalbum „From Her To Eternity“ (1984). Die bewusste Unfertigkeit und Offenheit der Stücke sowie der Verzicht auf eine klangliche Endpolitur bewirken aber auch, dass man das Album qualitativ nicht auf eine Stufe mit dem Meisterwerk „Push The Sky Away“ von 2013 stellen kann.

Schon das Eröffnungsstück „Jesus Alone“ beginnt mit dem dunkel gesprochenen Satz „You fell from the sky“, du fielst vom Himmel. Beschwörend entwirft Nick Cave darin Zukunftsbilder, und die Band The Bad Seeds lässt eine Art Intensivstations-Piepen dazu ertönen, einen pulsierenden, unruhigen Begleitsound, der nur beim Refrain, „With my voice I am calling you“ (Mit meiner Stimme rufe ich dich), zur Ruhe kommt. Wie an Krücken gestützt durch einzelne Klavierakkorde. In dem quecksilbrigen „Magneto“ sprechsingt Cave: „Meine monströse Erinnerung hat mich im Ganzen verschluckt“.

Das Album gehört zusammen mit einer Doku über die Arbeit des 58-jährigen australischen Künstlers, „One More Time With Feeling“, die gerade im Kino läuft. Darin ist zu sehen, wie der Sänger sagt, er fürchte, er verliere seine Stimme. Brüchig klingt die auf dem torkelnden Titel „Girl In Amber“, bei dem der Text zu haken scheint wie eine Schallplattennadel. Natürlich erzeugt die spürbare Schwäche aber auch ein reizvolles Charisma.

Heller wird es auf dem verträumten „Distant Sky“, in dem Nick Cave so etwas wie einen Aufbruch spürbar macht. Ein zartes, schnelles Pluckern, wie der Herzschlag eines Neugeborenen begleitet den Song, trostreich ist der klare Sopran der Dänin Else Torp zu hören. „Skeleton Tree“ am Albumende weist schließlich eine Kompositionsstruktur und richtigen Gesang auf. Und endet mit der wieder und wieder ganz vorsichtig gesungenen Zeile „And it’s alright now“. Und es ist jetzt in Ordnung.

Nick Cave & The Bad Seeds: Skeleton Tree (Rough Trade),

Wertung: 4 von 5 Sternen

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