"Nachtasyl" im tif

Neues Altes vom Menschen Wolf

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Gestrandete Figuren zwischen Müll- und Kleiderbergen: Ensembleszene aus Gorkis „Nachtasyl“ auf der Bühne des tif.

Kassel. Auf der Studiobühne des tif ist derzeit Maxim Gorkis schonungsloses Obdachlosigkeits-Stück „Nachtasyl" zu sehen.

Sie sind mitten unter uns. Penner, Obdachlose, Säufer, Huren, Schläger. Eindringlicher als in der Neuinszenierung von Maxim Gorkis desaströsem Schauspiel „Nachtasyl“ aus dem vorrevolutionären Russland von 1902 kann dies wohl nicht vor Augen und Ohren geführt werden. Die Zuschauer bei der Kasseler Staatstheaterpremiere im tif sitzen um eine ebene Fläche herum, die mit Altkleidern, Abfallsäcken und Schnapsflaschen vollgemüllt ist (Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Ulrike Obermüller). Hinter diesem Karree geht das Spiel weiter. Dort verprügeln sich die fünfzehn (!) Personen, dort schreien, saufen, singen sie oder spielen lautstark Karten.

Keine Schonung, keine Distanz gewährt Regisseur Markus Dietz in diesen ununterbrochen gespielten hundert Minuten. An den Gesichtern von manch einem aus dem Publikum ist Unbehagen deutlich abzulesen. Handlung findet im schummrigen Licht kaum statt: zwei Todesfälle auf offener Bühne, Anstiftung zum Mord und dessen Vollzug im Hintergrund.

Ansonsten Hass und Machtausübung des Schwachen über den Schwächeren, ein wenig schwermütige Privatphilosophie. Gelacht wird nur nach Wodkakonsum.

Die Personen des Stücks sind nicht „die da unten“, sondern sie sind wie wir, soll man lernen. Doch auch der Verlorenste hütet noch einen Zipfel vom Traum: das Sanatorium für den Alkoholiker, die Liebe für die Nutte, Kanada für den Brutalo, eine neue Religion für den Nachdenklichen.

Keiner will im Nachtasyl sein, doch keiner kommt weg von dort. Bis auf Luka, der schöne Sätze sagen kann, der noch nicht alle Hoffnung verloren hat und wieder aufbricht. Uwe Steinbruch spielt diese Rolle eingebettet in eine glänzende Ensembleleistung schön, fast messianisch.

Die Inszenierung ist nichts für Inhaber schwacher Nerven oder für Klaustrophobe. Das Ziel - zu zeigen, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, vielleicht einer mit einem letzten Fünkchen trügerischer Hoffnung - wird zweifelsfrei erreicht. Gorkis Stück ist allerdings so stark, dass dies auch mit einem herkömmlichen Tableau gelingen kann und mit einer weniger gossensprachigen Textfassung.  

Wieder am 11., 12., 17., 18.6.,

Karten: 0561-1094-222.

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