Thomas Zipp macht aus dem Fridericianum eine Psychiatrie

Neues aus der Anstalt

Kunst in Plastikfolie: Ab 12. März wird Thomas Zipp im Fridericianum ausstellen. Noch ist seine Skulptur verpackt. Foto: von Busse

Kassel. Kassel sei so „ordentlich und normal“, sagt Thomas Zipp, der ab kommendem Wochenende in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel ausstellen wird - anders als Berlin, wo der 44-Jährige lebt und als Professor für Malerei und Multimedia an der Universität der Künste lehrt.

In Berlin schaffe man es nicht mal, die Faschingsreste auf den Straßen zu beseitigen, „man hat es offensichtlich aufgegeben“. Dabei findet Zipp: „Auch Aufräumen ist etwas Tolles.“ Den Dreck wegräumen, die Reset-Taste drücken, einen Neustart wagen. Auch die katholische Kirche kenne das: „Nach der Sünde die Beichte, es wird aufgeräumt, dann geht’s von vorn los.“

Zipp beschäftigt sich mit den ganz großen Fragen: Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Norm und Abweichung, die Einordnung des Selbst in die Gesellschaft. Auch die Religion lässt Zipp, der in Heppenheim aufgewachsen ist und einen „Nonnenkindergarten“ besucht hat, nicht los. Ihn interessiert, „wie man Weltbilder baut, nach welchen Kriterien man lebt, wie man mit Fehlern umgeht“. Und: Wie man die Kontrolle verliert, die Vernunft ausschaltet, Grenzen überschreitet, im Rausch versinkt, sich in Wahnsinn verstrickt - wie bei Kettenreaktionen im Dominospiel, die kaum zu stoppen sind.

Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung, ist so eine Figur, die Zipp fasziniert: welche inneren Konflikte in solch einem Erfinder und Forscher ablaufen. Auch Martin Luther gilt Zipp als ein Beispiel für Besessenheit: wegen der Vehemenz, mit der er seine Thesen immer wieder neu formuliert hat.

Der Begriff Reformation kommt auch in Zipps Kasseler Ausstellungstitel vor. „(White Reformation Co-op) Mens sana in corpore sano“ wird sie heißen. Der gesunde Geist im gesunden Körper: Zipp, der seine Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und installativen Arbeiten stets zu einem Gesamtkonzept zusammenfasst, wird bis zum 13. Juni das ganze Gebäude bespielen und in die Vision einer psychiatrischen Anstalt verwandeln - mit abgedunkelten Ecken und grellem Neonlicht, mit einer Gummizelle, einem Turngeräteraum und einem Spiegelsaal.

Seine Anstalt, die vermutlich weithin Aufsehen erregen wird, sieht er als Modell für Machtstrukturen in der Gesellschaft: „Man muss nicht an eine psychiatrische Anstalt denken.“ Es sei so ähnlich wie die Modelle für die Elemente in der Chemie, aus lauter Bällen gebaut: „Das entspricht nicht der chemischen Wahrheit, aber veranschaulicht sie.“ Er wolle Fragen stellen, die er sich selbst nicht beantworten könne, sagt Zipp, und die Fragen „weiterreichen“. Ab Freitag können die Besucher Antworten suchen.

Eröffnung: 12. März, 19 Uhr. www.fridericianum-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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