Ein neues Bild der Natur: Ausstellung im Fridericianum Kassel

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Wie Ölpfützen: Arbeiten der Serie „Puddle“ von Marlie Mul aus Kunstharz, Sand und Plastikmüll vor Drucken auf kupferplattiertem Kunststoff von Sam Lewitt. Fotos: Koch

Kassel. Die Trennung von Natur und Kultur ist obsolet. Der Mensch ist Teil der Natur, die er aber ausbeutet und sich zunutze macht, als gingen ihn die Folgen nichts an. Natur sind wir selbst und alles, was uns umgibt. So lauten die Kernthesen einer großen Gruppenausstellung, zu der Susanne Pfeffer, Direktorin im Fridericianum, zwölf Künstler nach Kassel eingeladen hat.

Ihre Arbeiten kreisen auf hohem Abstraktionsniveau um den Umgang mit Ressourcen und Gefahrstoffen, Recycling, die Gestaltung, Aneignung, synthetische Herstellung und Wahrnehmung von Natur. Welche Auswirkungen hat der Plastikmüll im Meer? Wie erobern sich Tiere Lebenswelten in den Städten? Solche Fragen beschäftigen das Team im Fridericianum.

Gekappte Kabel: Werk von Nina Canell.

Immer wieder wird der Besucher in die Irre geführt: Ist dieses Material nun natürlich oder künstlich, ist ein Prozess mensch gemacht oder biologisch? „Der Mensch hat postuliert, über der Natur zu stehen“, sagt Pfeffer. Dass diese Rangfolge, ja diese Unterscheidung nicht viel zählt, das will die Schau belegen.

Etwa wenn Olga Balema transparente Kissen aus Plastikplanen mit Wasser, Stahl und Latex füllt und abwartet, welche Prozesse in Gang kommen, wie sich die Materialien in winzige Partikel auflösen. Wenn Marlie Mul Kunstharz-Pfützen ausbreitet, die aussehen wie Asphalt mit Ölflecken. Wenn Ajay Kurian Objekte aus gepresstem Müll auslegt, die im Spiegel wie Steine wirken. Wenn Nora Schultz einen Riesen-Vogelflügel aus gewellten Aluminiumplatten bildet. Oder wenn Björn Braun seine Zebrafinken bunte Nester aus künstlichen Materialien bauen lässt. Eine Wildschweinkuhle, wie sie Muttertiere für ihre Frischlinge graben, hat er als Gipsabguss und mit Fiberglas, Harz und Erde nachempfunden.

Steine und Epoxy-Knete: Spiegel von Ajay Kurian.

Zu den eindrucksvollsten Positionen zählt Nina Canell (die schon einmal zu Zeiten von Rein Wolfs in Kassel ausgestellt hat). Sie zeigt etwa Keramikkartuschen mit synthetischen Düften, „New Car“ und „Nostalgia“. Der Geruchssinn, auf den wir uns intuitiv verlassen, sei leicht manipulierbar, erläutert Pfeffer. Deshalb werde in der Industrie intensiv mit künstlichen Duftstoffen gearbeitet. In Supermärkten etwa sollen sie uns zum Kaufen reizen.

Noch steht die Luft, die wir zum Leben brauchen, uns allen unentgeltlich zur Verfügung. Canell stellt auch ein Glas kondensierte Luft aus. Solchermaßen verdichteter, sehr teurer Sauerstoff wird etwa in der Raumfahrt verwendet. Canell lässt ahnen, wie die Kommerzialisierung und Ökonomisierung des Lebens letzte Grenzen einreißen könnte.

„Die Ausstellung soll den Blick schärfen für das, was uns umgibt“, sagt Susanne Pfeffer. Deshalb wurden auch die Fenster im Fridericianum, die sonst mit Folien abgehängt sind und nur diffuses Licht durchlassen, geöffnet - damit der Besucher rausschauen, die Umwelt betrachten kann: Beton und Bäume, die Geometrie des Friedrichsplatzes. Denn um eine aufmerksame, bewusstere Wahrnehmung der Welt geht es.

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