Jan Delay beschwört vor 10 000 Fans das Disko-Zeitalter

Neues Image als Soulist

Kapuzenpulli war gestern: Jan Delay liebt den Glamour. Foto: Socher

Eschwege. Wenn du nicht gut singen kannst, mach genau das zu deinem Markenzeichen. Das hat schon Grönemeyer erkannt. Fast so erfolgreich hat Jan Delay aus der Stimmnot eine Tugend gemacht und inszeniert diese mit Funk, Soul und jeder Menge Glamour. Im gewohnten Knöterton näselte er sich auf dem Open Flair vor über 10 000 Zuschauern 90 Minuten durch sein Programm. Damit hatte er am Festival-Freitag die Nase vorn.

Dass Delay seine markantes Organ bereits einer sprechenden Ziege in einem Animationsfilm leihen durfte, sagt viel über seine Stimmfarbe. Sie ist indes fast das Einzige, was von dem Hamburger Hip-Hopper Jan Eißfeldt – als der er in den 90ern seine Karriere bei der Gruppe Beginner startete – übrig geblieben ist.

Goldener Spazierstock, Maßanzug, eleganter Hut: Die Kapuzenpulli-Phase hat Delay spätestens mit seinem aktuellen Platin-Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ hinter sich gelassen. Statt fetter Hip-Hop-Bässe nun die Soul- und Funkband Disko No. 1 samt Bläsersatz und Frauenchor im Glitzerfummel.

Der Jan Delay von heute präsentiert sich in einer Kombination aus Showmaster und Catwalk-Trainer. Wie ein Michael Jackson auf Schmierseife beschwört er tanzend die Anfangsjahre der Disco-Ära – mit versoulten Auszügen aus Popklassikern von Montell Jordan („This is how we do it“) bis zu den Backstreet Boys macht er immer wieder Abstecher in das jüngere Disco-Zeitalter. Seine eigene Hymne dazu heißt „Disko“. Wie er es in dieser Single besingt, lässt auch er die Tausenden vor der Bühne „von innen glitzern“.

So gut die bald durchgeschwitzte Abendgarderobe auch sitzt, die Lust an der Provokation und seinen jugendlichen Sprachstil hat sich Delay bewahrt: „Gestern haben wir in Guantánamo gespielt. Die waren echt depressiv drauf.“ Zu seinen Lieblingswörtern gehört „derbe“, und Eschwege ruft er zu: „Ihr seid eine partywütige Fleischmenge.“

Diese Fleischmenge hat sichtlich Spaß an Delay. Das liegt nicht nur an dessen mitreißenden Grooves – denen er auch auf seiner neuen Single „Large“ treu bleibt, die er beim Open Flair vorstellt –, sondern auch an Delays Talent, Massenerlebnisse zu inszenieren: Er lässt die Menge stopptanzen, Kleidungsstücke über dem Kopf wedeln, hüpfen. Die Masse beobachtet sich auf einer Großleinwand, die neben der Bühne steht, bei ihrer Choreografie selbst und findet Gefallen daran.

Der Film mit der Ziege floppte übrigens und auch Delay bekennt in Eschwege „Ich fand ihn ehrlich gesagt scheiße.“ An der Ziegenstimme lag es wohl nicht. Von der verlangte das Publikum Zugaben.

Von Bastian Ludwig

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